![]() |
|
Die Geschichte der Bernkasteler Bürgerwehr |
|
![]() |
| Fahne der Bernkastel Bürgerwehr (Vorderseite) |
![]() |
| Fahne der Bernkastel Bürgerwehr (Rückseite) |
Am 2. April trat der vereinigte Landtag in Berlin zusammen und beschloß für die preußischen Staaten die Einberufung einer konstituierenden Nationalversammlung.
Die ersten Wellen der französischen Revolution machten sich naturgemäß in den an Frankreich anstoi3enden Landesteilen Deutschlands bemerkbar, in Baden und den Rheinlanden. Schon in den ersten Tagen des März hörte man aus den größeren Städten der Rheinprovinz, wie Köln, Aachen und Düsseldorf, von großen Volksversammlungen und Zusammenstößen der Bevölkerung mit der Polizei und dem Militär. Mit unheimlicher Geschwindigkeit griff die Bewegung auf die kleineren Städte und das flache Land über. Aus Wittlich wird vom 10. März berichtet, daß in der Bürgerschaft eine Adresse an den König wegen Gewährung zeitgemäßer Reformen vorbereitet werde. In Bernkastel wird am 13. März in einer außerordentlichen Sitzung des Gemeinderats eine Adresse an den König beraten und anbenommen. Sie wünscht
übrigen schließe man sich den Bitten und Wünschen der preußischen Brüder an.
Aus Zeltingen wird im Bernkasteler Wochenblatt ,,dem wackeren tüchtigen Stadtrat und seinen altehrlichen Bürgern für die so warme als wahre Vertretung der Moselverhältnisse am allerhöchsten Orte" öffentlicher Dank gespendet. Dann schreibt der Zeltinger weiter: ,,Preßfreiheit mag gut sein, aber Weinsteuerfreiheit ist doch noch besser".
Dieser Satz kennzeichnet aufs trefflichste die Bewegung an der Mosel, die bei der großen Mehrzahl der Bevölkerung eine wirtschaftliche, nur bei wenigen eine politische war. Es würde zu weit führen, hier des näheren auf die damalige wirtschaftliche Lage ;an der Mosel einzusehen. Nur soviel sei bemerkt, daß: infolge mangelhafter Absatzmöglichkeit für ihre Weine, ferner Wegen der hohen Moststeuer (6-7 Thaler. für das Fuder bei einem Verkaufspreis von 30-40 Thalern.) und einer Reihe von Mißernten Not und Elend in den meisten Moselorten herrschten.
Am 22. März traf die Nachricht von der Berliner Revolution in Bernkastel ein und rief beim Stadtrat den Beschluß hervor, die schwarz-rot-goldene Nationalflagge auf dem Rathause aufzupflanzen. ,,Unter feierlichem Glockengeläute und Böllersalven, unter dem Gesange patriotischer Lieder und schallenden Lebehochs auf die erwachte Freiheit, deren Verteidiger und das Vaterland", berichtet das Bernkasteler Wochenblatt, ,,trug man heute Abend des Deutschen Reiches Banner durch die Hauptstraßen unserer Stadt und brachte es alsdann unter lautem Jubelrufe des Volkes an seinen Bestimmungsort. Bei einbrechender Dunkelheit prangte die Stadt in glänzender Illumination, bengalische Feuer flammten auf dem Marktplatze, mit Tageshelle das hoch flatternde Reichspanier umgebend;"
Am 27. März fand in der Pfarrkirche ein feierlicher Trauergottesdienst für die auf den Barrikaden gefallenen Berliner Freiheitskämpfer statt. Die Kirche konnte die Menschen kaum fassen. ,,Der hohen Wichtigkeit der Feier", schreibt die Zeitung, ,,war die mit begeisterter Wärme vorgetragene Predigt des Herrn Pastors vortrefflich angepaßt." An demselben Tage wurde auch in Wittlich unter einem Andrange von Menschen, wie nie einer dort gesehen wurde, die schwarz-rot-goldene Fahne unter dem Jubel der Menge aufgepflanzt. ,,Die neue Umgestaltung der Dinge scheint auch, ,,schreibt ein Wittlicher," unsere Beamten den Bürgern mehr zu nähern, denn wir sahen bei der hier organisierten Bürgerschutzwehr Bürger mit Beamten Arm in Arm seelenvergnügt durch die Straßen patrouillieren, fanden dieselben ferner kordial unter Bürgern, in deren Gesellschaft man sie nie fand, ihren Schoppen Leeren, und verschiedene Bürger machten jenen im Casino eine Revisite, wo sie auf das freundlichste und zuvorkommendste aufgenommen wurden."
In Bernkastel scheinen Bürger und Beamte in einem besseren Verhältnis zu einander gestanden zu haben, auch kannte man hier noch kein Kasino. Bei der Bildung der Bürgerwehr wurde sogar der allseitig beliebte Landrat v. Bardeleben, der spätere Oberpräsident der Rheinprovinz, zum Führer gewählt. Zugführer waren Kaspar Schwarz ,und Jakob Weidner, später noch Joh. Phil. Thanisch, Fahnenträger der ,,hochbetagte aber noch jugendlich rüstige" J. Bach.
Das Statut, das sich die Bürgerschützen von Bernkastel am 30. März gegeben haben, und das von 64 der angesehensten Bürgern unterzeichnet ist, liegt noch vor.
Nach § 1 bezweckt der Verein die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Sicherstellung von Person und Eigentum.
§ 5 lautet: Die Bürgerschützen sind mit Gewehren bewaffnet, Führer und Zugführer haben Säbel;
§ 6: Als Abzeichen tragen die Bürgerschützen ein Band mit den deutschen Farben am linken Arm, Führer und Zugführer außerdem eine Schärpe mit denselben Farben.
Nach § 9 versammeln die Bürgerschützen sich monatlich wenigstens zweimal an Sonntag Nachmittagen zu gemeinschaftlichen Waffenübungen. Die Fahne der Bürgerwehr ist ebenfalls noch vorhanden und tut sogar noch Dienst.
Beim feierlichen Einzug des Bischofs Bornewasser im letzten Sommer hing sie am Küsterhause aus. Freilich sind die Farben arg verblaßt, das Gold hat gar in der Zeit der Reaktion einem grünen Streifen weichen müssen. Die Inschrift ,,Den Bürgern zu Bernkastel gewidmet von den Frauen und Jungfrauen der Stadt am 12.Juni 1848" ist aber Wohlverhalten. Außer in Bernkastel selbst waren im Kreise als solche anerkannte Bürgerwehren errichtet in Cues, Wehlen, Kesten, Maring-Noviand, Mülheim, Dusemond, Andel, Veldenz, Thalfang, Malborn und Rhaunen.
Auf dem Hunsrück hegte man vielfach Bedenken, man fürchtete u.a., den Gemeinden Kosten aufzulasten. So sehr die Regierung die Errichtung von Bürgerwehren wünschte und förderte, so wenig war sie in der Lage, die Hilfstruppe mit Gewehren und anderen Waffen zu versehen. Nur Bernkastel und Thalfang einschl. der Umgegend erhielten Militärgewehre, Bernkastel 50, Thalfang mit Rücksicht auf die daselbst stattgefunden Waldfrevel und Ausschreitungen gegen den Bügermeister 120 Stück. Im übrigen mußte man sich nach anderen Waffen umsehen. Der Landrat selbst machte ,,auf die Sensen aufmerksam, welche gerade aufgesteckt, eine gefährliche Waffe bilden"
,,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" war die Losung jener Tage. Nach außen hin bekundeten sie sich dadurch, daß jedermann eine schwarz-rot-goldene Kokarde an seiner Kopfbedeckung trug;. Selbst die Jugend schmückte sich mit papierenen Kokarden. Für sie war überhaupt eine freudenreiche Zeit angebrochen, wie der badische Pfarrer und Schriftsteller Hansjakob anschaulich in seinen Jugenderinnerungen schildert. Findige Geschäftsleute machten sich die Zeitumstände zu nutze; es gab demokratische Fackeln, Zigarren u. dgl. mehr. Den meisten Vorteil aus der Bewegung zogen aber die Schankwirte, denn von früh bis spät saßen die Männer in den Wirtshäusern, besprachen die politischen Vorgänge und tranken auf das bevorstehende goldene Zeitalter.
Bereits Ende März beklagte der Trierer Bischof Wilh. Arnoldi in einem schönen Hirtenschreiben, daß eine schrankenlose Willkür, die weder göttliche noch menschliche Gesetze und Anordnungen achtet und die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit gebraucht, einzelne Familien und die ganze Gesellschaft bedroht. Vor allem war es der Wald, der dem Schlagwort der Freiheit und Gleichheit zum Opfer fiel. Mit Äxten und Beilen zogen ganze Scharen in die Wälder und raubten nach Herzenslust. Als gar der Regierungs-Präsident in Trier, dem Drängen der Menge nachgebend, mehrere ,,Monatsbauern" - darunter verstand man die Bauern, die wegen Holzdiebstahls im 4. Wiederholungsfalle zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden waren -, vorläufig ihrer Haft entließ, wuchs sich der Holzfrevel zu einer furchtbaren Gefahr aus. Mit der Waldverwüstung ging die Verminderung des Wildbestandes Hand in Hand.
Im Kreise Bernkastel haben die Waldverwüstungen keinen größeren Umfang angenommen, wie überhaupt nach einem Bericht des Landrats an den Regierungspräsidenten schwerere Gesetzwidrigkeiten hier nicht zu verzeichnen waren. ,,Den Rodomontaden hinter den Wirtshaustischen" legte der kluge und verständige Landrat keine Bedeutung bei, in Bernkastel wäre das Schimpfen und Lärmen von jeher üblich gewesen. Die Meldung des Bürgermeisters Schwan, daß in der Nacht auf den 25. März der preußische Adler am Rathaus abgenommen und durch das alte deutsche Wappen ersetzt und daß der Adler an der Post mit Teer überstrichen worden sei, schrieb er kurzer Hand zu den Akten.
Quelle Festschrift Kolpingfamilie St Michael Bernkastel 1981