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Die Trommel |
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Histörchen von Peter Kremer
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| Stich von Bernkastel 18. Jh. |
Als zu Anfang des Jahres 1794 dem Kurstaate Trier ein neuer Einmarsch durch die französische Revolutionsarmee drohte, beschloß die Landesregierung: am 27. Januar die Aufstellung einer Trierischen Landmiliz in Stärke von 6000 Mann. Ein stärkeres Volksheer zu bewaffnen, getraute sie sich nicht, weil man nicht wußte, wie tief die neuen Gedanken der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ins Volk gedrungen seien.
Das Amt Bernkastel bekam den Befehl, 250 wehrfähige Männer auszuheben. Die Musterung geschah am 7. Februar in der Kurfürstlichen Kellnerei, alle Männer zwischen 18 und 40 Jahren waren dazu beordert. Die Aushebung begann unter revolutionären Sturmzeichen. Gleich zu Beginn wurde das Musterungslokal im Vorderhaus der Kellnerei durch einige junge Burschen demoliert; sie warfen die Fenster der Kellnerei ein und verfolgten den flüchtenden Vorsitzenden der Aushebungskommission, den Amtsverwalter von Coll, bis dieser sich in den hintersten Räumen seines Hauses verbergen konnte. Die erste Folge dieses Ereignisses war, daß die schon ernannten Milizhauptleute Friedrich Jäger und Wilhelm Diez nebst ihren Ober- und Unterleutnants abdankten; man hatte ihnen gedroht, ihre Häuser anzustecken und sie selbst zu erschießen.
Dennoch kam man nach strenger Durchführung der Aushebung von 250 Mann zur Aufstellung von zwei Milizkompanien. Die erste Kompanie führte Milizhauptmann Josef Cunen aus Bernkastel, ihm zur Seite standen der Oberleutnant Fromm und der Leutnant Henkel aus Kues. Oberleutnant Fromm hatte sich die ersten kriegerischen Verdienste schon erworben, als er bei dem Musterungswiderstand als treuer Diener seines Herrn - er war der Fuhrmann der Kellnerei den Hauptübeltätern, zwei bärenstarke Brüder aus Hoxel, ihre dicken Knüppel entrissen hatte.
Unser Histörchen soll nun bloß von dem Milizenhauptmann Josef Cunen berichten; er ließ die Trommel rühren, die als äußeres Zeichen unsere Überschrift bildet. Aber wir wollen, der Kuriosität halber, zuvor noch die Vorschrift wiedergeben, nach der die Kompanien ausgebildet werden sollten. Diese Instruktion, dem Kopf und der Feder des kurtrierischen Hauptmanns Freiherren von Hausen entsprungen, ist von geradezu klassischer Form und auch von klassischem Geiste erfüllt, weil sie auf dem einfachen Satze fußt: Vernünftige Verteidiger ihres Vaterlandes sind mit leichter Mühe abzurichten!
Nach dieser Instruktion sollten die Milizen lediglich ein Gewehr laden und schieißen lernen, jedoch ohne große Schwierigkeit. Sie sollten nur angewöhnt werden, sich in der Kompanie zu formieren und Neben- und Vordermann zu halten, ohne Kunst sollten sie rechts- und links um machen, um vorwärts und rückwärts in natürlicher Ordnung marschieren zu können.
Die Ausbildung war somit wirklich eine leichte Mühe, sie konnte den Leutnants und den Unteroffizieren überlassen bleiben. Der Herr Hauptmann erhielt dadurch Zeit für andere Dinge. Er war ja nun der Standortoffizier. Der Rausch der Macht überrieselte ihn, und er war gewillt, alle Gewalt an sich zu reißen.
Zuerst ließ er sich eine Uniform schneidern, die er zwar bezahlen mußte, deren Kosten er aber auf mancherlei Weise der Bürgerschaft erpressen konnte. Passierscheine, Ausweise, Quartierscheine, Urlaubsscheine, Requisitionen und viele andere Geldquellen füllten seine Taschen.
Wenn er auf beschlagnahmtem Pferd durch die Straßen ritt: im großen Hut mit weißer Masche, im Portepee mit silbernen und roten Streifen, im blauen Tuchrock mit Goldknöpfen und roten Aufschlägen, in roter Weste und roter Hose, so war das, als ob der Kriegsgott selber seinen Morgenritt halte, und auf die Bürger, die ins Geschäft oder zum Rathaus gingen, blickte er verächtlich von seiner Höhe herab. Am liebsten trank er eins, und dies ärgerte ihn am meisten, daß er abends, wenn der Nachtwächter in den Wirtschaften den Feierabend ausrief, gezwungen sein sollte, wie jeder gemeine Bürger sich in sein Bett zu begeben. Der Stadtrat hielt in der guten alten Zeit auf strengste Nachtruhe.
Hauptmann Cunen teilte eines Tages dem Bürgermeister mit, der abendliche Zapfenstreich sei eine militärische Sache; er selber lasse in Zukunft den Zapfenstreich durch einen Unteroffizier, von zwei Milizsoldaten begleitet, in seiner Vaterstadt austrommeln. Er verlegte die Polizeistunde auf die Mitternacht, und jede Nacht Punkt 12 Uhr, wenn der Herr Hauptmann genug getrunken hatte, wurden die Bürger mit rasselndem Trommelwirbel in allen Gassen aus dem ersten Schlaf gerissen. Der Stadtrat mißbilligte dies und ließ den Herrn Milizenhauptmann durch den Ratsdiener in seine Schranken verweisen. Der Herr Hauptmann ließ weiterhin die dicke Trommel zur Mitternacht in der Stadt rühren, auch nach der zweiten und dritten Ermahnung. Nun war guter Rat teuer, dem Stadtrat war der Atem vergangen, bis ein weiser und mutiger Schöffe - leider ist uns sein Name nicht erhalten geblieben - auf den simpelsten und natürlichsten Einfall kam, mit dem er dem zivilen Stadtregiment wieder die Herrschaft über den militärischen Ungeist verschaffte:
,,Man darf Narren und Kindern keine Lärm- und Mordinstrumente in die Finger geben", sagte er schlicht. ,,Ei, nehmen wir ihm das Spielzeug weg! Nehmen wir ihm doch die Trommel fort!" Schon am nächsten Tag, als der Milizhauptmann auf einem Inspektionsritt war, brachte der Ratsdiener die gewaltige Trommel, die man im Rathaus verschloß. Und siehe da, der Feierabend wurde von nun an wieder zur alten Stunde und in der schönen alten Form ausgerufen.
Dem Stadtrat war jetzt der Mut gewachsen, und als der Hauptmann bald darauf an einem Markttag nur solche Bauersleute und Händler in die Stadt einließ, die einen von ihm ausgestellten und ihm bezahlten Marktschein besaßen, ließ der Rat den Herrn Hauptmann kurzerhand verhaften und zu seiner Trommel einsperren.
Weiter ist nichts mehr über den Herrn Milizenhauptmann Cunen zu erfahren gewesen. Seine Milizsoldaten haben nie einen Schuß abgegeben, auch nicht, als die Franzosen einrückten.
Erstens hatten sie keine Gewehre, und zweitens paßten die Kugeln nicht, als sie schließlich einige alte Karabiner erhielten. Drittens hatten sie noch immer keinen Sold empfangen, und viertens schien ihnen die Hingabe des Lebens für ein zusammenbrechendes System reichlich sinnlos.
Quelle: Festschrift Kolpingfamilie St Michael Bernkastel 1981