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Ein Steinzeitdorf in Bernkastel - Kues

Von Lothar Kilian

Steinzeitliche Funde gehören im Moseltal zu den großen Seltenheiten. Entweder war das Tal in jener fernen Vergangenheit noch sehr wenig besiedelt oder die alten Siedlungsspuren sind durch fortgesetzte spätere Siedlungstätigkeit größtenteils getilgt w0rden. Das letztere ist wahrscheinlicher. So stellt jeder steinzeitliche Fundplatz an der Mosel eine Besonderheit dar und ist für die moselländische Vorgeschichte von hervorragender Bedeutung. Während der jüngeren Steinzeit, also im vierten und dritten Jahrtausend v. Chr., gibt es in Europa vier große Kulturkreise, die sich in ihrem Fundstoff wesentlich unterscheiden. Einer davon ist der sog. donauländische oder bandkeramische Kulturkreis. Der erste Name gibt die Verbreitung dieser Kultur im weiteren Bereich der Donau an, der zweite geht auf die Zierstreifen ("Bänder") ihrer Gefäße zurück. Die bandkeramische Kultur erreicht nach Westen in Ausläufern Ostfrankreich, Belgien und Holland. Demnach sind auch im Moseltal Funde zu erwarten. Von der mittleren Mosel waren bisher nur zwei Fundstellen mit Bandkeramik bekannt, und zwar eine Abfallgrube mit Gefäßresten aus Oberbillig und einige Scherben vom Barbaraufer in Trier. Es fehlte aber der Nachweis eines größeren Siedlungsplatzes. Seit 1952 kann nun Bernkastel-Kues den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, an der Stätte eines Dorfes der bandkeramischen

Donaukultur erbaut zu sein. Beim Bau des neuen Arbeitsamtes im Stadtteil Kues wurden seine Spuren entdeckt und eine Fläche von rund 1000 qm um das Arbeitsamtsgebäude durch Museumsinspektor Badry vom Rheinischen Landesmuseum Trier freigelegt. Die Fundstelle liegt auf der zweiten Moselterrasse, 6 m über dem Normalwasserstand der Mosel und ist 150 m vom Fluß entfernt. die Ausgrabung ergab bei dem knappen zur Verfügung stehenden Geländes nach keiner Seite hin ein Ende der Siedlung. Wir wissen also noch nicht, wie weit sich die Ansiedlung erstreckt hat. Sicher ist nur, daß lediglich ein kleiner Teil bisher erfaßt worden ist und daß die Anlage sich nach allen Seiten um das Arbeitsamtsgebäude fortsetzt. Es wird Aufgabe der zukünftigen Forschung sein, die Grenzen der Siedlung nach Möglichkeit zu ermitteln. Eine Gesamtfreilegung ist natürlich infolge der Bebauung nicht durchführbar. Die Lage auf der sanft zum Fluß hin abfallenden Landzunge erscheint sehr siedlungsgünstig. Es ist durchaus verständlich, daß dieses Gelände schon den Steinzeitmenschen zum Ansiedeln reizte. Vermutlich werden an ähnlich geeigneten Plätzen der Mosel weitere Niederlassungen der Bandkeramiker bestanden haben, die uns bisher verborgen geblieben sind.

Im einzelnen ergab die Ausgrabung zwei vollständige und Teile von vier kleineren Hüttengrundrissen sowie Teile von zwei sehr großen. Die Grundrisse hoben sich als dunklere Streifen im Boden ab. Diese Streifen stammen von flachen Fundamentgräben der Hütten, deren Holz zwar vergangen ist, aber Bodenverfärbungen hinterlassen hat. Von den beiden vollständig erhaltenen Grundrissen ist der eine mit 7,50 m x 8,00 m fast quadratisch, der andere mit 5 m x 8 m verrundet rechteckig. Die Fundamentgräben der kleineren Grundrisse werden teilweise von Holzpfosten eingefaßt. Die Deutung der kleinen Grundrisse als Reste von Hütten erscheint gesichert; unsicher bleibt, ob sie Wohnzwecken dienten oder eine andere Funktion hatten, also etwa Vorratshütten, Werkhütten, Ställe oder Scheunen waren. Zwei teilweise erfaßte Grundrisse haben zu sehr großen Häusern gehört. Die Breite muß mehr als -8 m betragen haben.

Eines der Häuser war bis zu 22 m Länge zu verfolgen, ohne daß damit das Ende erreicht war. Dieses Gebäude ist durch Querwände in mehrere Räume gegliedert gewesen. Wie bei Blockbauten sprangen die Querwände um 3Q- 40 cm über die Außenwand des Gebäudes vor, und an den Ecken überkreuzten sich die Wände entsprechend. Da bei den beiden letztgenannten Grundrissen Spuren von Pfosten gänzlich fehlten, ist hier mit einem Schwelenfundament oder gar mit einem durchgehenden Blockbau zu rechnen. Das wäre für die Jungsteinzeit ein ganz besonders bemerkenswerter Befund. Doch ist diese Deutung nicht die allein mögliche. Die betreffenden Fundamentgräben waren sehr flach und bildeten vielleicht nur den Rest von ehemals wesentlich tieferen, in denen Holzpfosten gestanden hatten. Zahlreiche Funde von Lehmbrocken aus Abfallgruben und an anderen Stellen mit Abdrücken von Rundhölzern und Flechtwerk lassen erkennen, daß die Wände mindestens größtenteils aus Flechtwerk bestanden und mit Lehm beworfen waren.

Die Hütten liegen unregelmäßig verteilt, aber ausnahmslos in der gleichen Richtung, Nordwest-Südost, die Schmalseite war also der Hauptwindrichtung, dem Nordwesten zugekehrt, um dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. An einigen Stellen überschneiden sich die Grundrisse. Hier sind ältere Bauten nach ihrem Verfall durch neue ersetzt worden, wobei die Bodenverfärbung der alten Grundrisse erhalten blieb. Die Überschneidungen lassen auf eine Längere Lebensdauer der Ansiedlung schließen. Sicherlich bestand sie mehrere Generationen hindurch. Quer durch die Siedlung lief in der Fluchtrichtung der Häuser, also Nordwest-Südost, ein schmaler, pfostenbesetzter Graben, der als Fundamentgraben für einen Zaun zu deuten ist. Er konnte über die ganze Grabungsfläche auf 46 m Länge verfolgt werden. Zwischen den Häusern verstreut und von diesen als jüngere Anlagen teilweise überschnitten, befanden sich - wie bei allen bandkeramischen Siedlungen - zahlreiche Abfallgruben, die mit zerbrochenen Tongefäßen, Steingerät und Lehmbrocken abgefüllt waren. Die Mehrzahl der geborgenen Funde stammt aus diesen Gruben. Mengenmäßig steht die Irdenware an erster Steile. Leider war kein Gefäß vollständig erhalten. Nur Gefäßteile wurden gefunden. Es gibt eine feinere und verzierte Ware ("Tafelgeschirr") neben grober, nicht oder wenig verzierter (rohe Gebrauchskeramik). Die feinere Irdenware zeigt die für die jüngere Linienbandkeramik typische Verzierung. Dabei überwiegen die gefüllten Bänder, andere Muster sind seltener. Eine Scherbe besitzt ein konisch gebohrtes Loch, ein Luftloch, das beim Abdecken des Gefäßes gegen Schmutz und Ungeziefer eine Luftzufuhr ermöglichte.

Unter dem Steingerät befinden sich einige Bruchstücke von Steinbeilen und Feuersteinklingen (Messer und Kratzer). Wichtig sind Funde von Mahlsteinen und Reibsteinen, da sie den Anbau von Körnerfrucht (Getreide) beweisen, die mit Hilfe dieser Steine zermahlen wurde. Auf deren Fläche wurden die Getreidekörner geschüttet und mit Hilfe eines Reibsteins zerrieben. Da immer nur wenige Körner gleichzeitig gemahlen werden konnten, war die Gewinnung von Mehl sehr mühevoll und langwierig. Wahrscheinlich lag das Mahlen von Getreide einem bestimmten Personenkreis ob.

Der bäuerliche Charakter der bandkeramischen Kultur ist durch viele Funde von verschiedenen Siedlungsplätzen erwiesen. Die Bandkeramiker bauten Weizen, Gerste und Hirse an; Haustiere waren neben dem Hund das Rind, das Pferd, das Schwein, das Schaf und die Ziege. Leider besitzen wir aus der Siedlung von Bernkastel-Kues nur ein kleines Bruchstück eines Röhrenknochens. Wir können uns daher kein rechtes Bild von der dortigen Haustierhaltung machen. Aber das sind Fundlücken. Der Boden ist offenbar sehr ungünstig für die Erhaltung von Knochen. Außerdem konnte bisher nur ein kleiner Teil des Dorfes freigelegt werden. Eine Fortsetzung der Untersuchung würde wohl zu wesentlichen weiteren Erkenntnissen führen. Der bisherige Befund reicht aber schon zu der Feststellung aus, daß im weiteren Bereich des Arbeitsamtsgebäudes von Bernkastel-Kues während der jüngeren Steinzeit ein größeres Dorf der Bandkeramiker bestanden hat. Eine wesentliche Nahrungsquelle bildet wohl der Fischreichtum der Mosel. Dazu wurde Ackerbau und Viehzucht getrieben. Die Jagd auf Groß- und Kleinwild spielte natürlich auch eine Rolle.

Die Bedeutung des Steinzeitdorfes von Bernkastel-Kues erstreckt sich in zwei Richtungen. Für die Vorgeschichtswissenschaft liegt sie in der Herstellung einer räumlichen Verbindung zwischen den bandkeramischen Siedlungen des Rheintales und den westlichsten Fundplätzen in Ostfrankreich und Belgien. Welche große Bedeutung das Steinzeitdorf aber für die älteste Geschichte des Raumes von Bernkastel-Kues besitzt, mag man aus dem hohen Alter der Siedlung ermessen. Die Ansiedlung gehört in das 4. Jahrtausend v. Chr.! Vor mehr als 5000 Jahren gab es - wenn man so will - bereits ein Dorf Bernkastel-Kues. Sehr wahrscheinlich ist auch die rechte Moselseite besiedelt gewesen, ähnlich wie heutzutage. Vielleicht wäre dieser oder jener heutige Bewohner von Bernkastel-Kues nicht da, hätte nicht jenes steinzeitliche Dorf existiert. Wir möchten daher glauben, die Vorzeitbewohner von Bernkastel-Kues hätten es verdient, daß eine schlichte Erinnerungstafel - etwa am Arbeitsamtsgebäude - von ihnen kündete.

Lit· Heimatkalender 1958 für den Kreis Bernkastel

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