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Schinderhannes und seine Hunsrücker Räuberbande

Josef Knoop

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Schinderhannes

Was die Verbrechen der Hunsrückbande betriffl, so unterscheiden sie sich kaum von denen der anderen beiden Banden: Straßenraub Brandstiftung, Uberfälle, Diebstahl, Mord usw. Und trotz dieser Gemeinsamkeiten schreibt Becker dazu: "Schinderhannes selbst ist ein menschlicher Räuber gegen manchen Einzelnen von dieser Horde (Mosel-Eifel-Bande), die den Meuchelmord und den Feuerbrand schwang".

Der Staatsanwalt warf der Hunsrückbande 53 Hauptverbrechen vor.
Am 19. Nov. 1803 wurden dafür 19 seiner Genossen mit ihrem Anführer Schinderhannes in Mainz hingerichtet.Kein Räuber ist wohl so volkstümlich bei uns geworden wie der Schinderhannes, ob man über ihn lacht oder ihn ernst nimmt. Neuerdings hat sich in Mainz sogar eine eigene Schinderhannes-Bürger-lnitiative gebildet.

Sofort nach seinem Tode—bis heute—erschien so viel Literatur über den "edlen Räuberhauptmann<s daß man immer noch nach einer Erklärung für das nicht enden wollende Interesse an diesem jugendlichen Räuber sucht.Wer war dieser junge Mann, der mit 24 Jahren als Verbrecher seinen Kopf verlor? Warum lebt er bis heute in seiner engeren Heimat um Morbach als Volksheld weiter? So widmet ihm "Die Hott", eine in Morbach erscheinende Heimatschrift, die Titelseite, und im Vorwort ist zu lesen: "Lieber Leser, das Jahr 1983 ist ein Schinderhannes-Gedenkjahr.

Vor 200 Jahren —1783—wurde Johannes Bückler in Miehlen/Taunus geboren. Eine Heimatzeitschrift des Hunsrücks kann an diesem Datum nicht so einfach vorbeigehen. Deshalb haben wir auch zwei Beiträge über unsern geliebten und unsterblichen Volkshelden aufgenommen."Heute ermöglichen es zwei Neuerscheinungen dem unvoreingenommenen Leser, sich selbst an Hand von Fakten ein Urteil zu bilden.
Dies ist einmal die schon erwähnte "Geschichte der Räuberbanden" von Becker, einem Zeitgenossen des Schinderhannes.Zum anderen handelt es sich um eine sehr interessante Entdeckung. Zu den frühesten Veröffentlichungen über Johannes Bückler gehörten: "Schinderhannes, Kriminalgeschichte voller Abentheuer und Wunder und doch streng der Wahrheit getreu 1802 " Wiederaufgefunden i. J. 1977 und herausgegeben von Manfred Franke.

Mehr als jeder andere Schreiber sucht der zeitgenössische Verfasser den Grund für die verbrecherische Entwicklung des Hannes in seiner elenden, trostlosen Kinder- und Jugendzeit. Ohne Kommentierung mag der Leser aus den entsprechenden wichtigsten Auszügen dieser beiden Zeitgenossen des Schinderhannes sich selbst ein Urteil bilden. (Abk. für Bekker-B, für Franke-F.)

Der Großvater des Schinderhannes war Wasenmeister und Abdecker an der Saar. Auch der Vater war Schinder (schinden—die Haut abziehen), und der Schinder war gleichzeitig Henker, Scharfrichter und als solcher von allen gemieden. "Schon die mittelbare Verbindung mit dem Abdecker brachte Schande und Verruf." Die Kinder dieses "ekelhaften" Schinders waren zu keinem Handwerk zugelassen. Hannes sagt selbst: "lch habe mir diesen Namen "Schinderhannes" nicht selbst beigelegt, sondern der Pöbel."

Der junge Bückler war also schon als Kind mit dem Kainszeichen des Schinders gebrandmarkt, gemieden und verachtet.Johannes war noch nicht vier Jahre alt, als der Vater Miehlen verließ und nach Polen auswanderte. Er ließ sich als Soldat anwerben, desertierte aber, als Johannes neun Jahre alt war. Dann zog die Familie auf den Hunsrück. "Der Vater ernährte sich mit seinem Weibe sehr kümmerlich, teils als Feldhüter, teils als Taglöhner.

Welche Erziehung er unter diesen Umständen seinem heranwachsenden Sohn geben konnte, ist leicht begreiflich. Dieser schoß wie ein wilder Stamm auf." (B)"Kaum lernte der junge Bückler seinen Namen schreiben. " (B) " Bücklers Vater wurde durch Unglück, Krieg und Wucher, die, wie immer, vereint in den letzten 10 Jahren so viel tausend glückliche Familien in das Elend brachten, zum Bettler gemacht."
Als 1793 Frankreichs Heere das Land überschwemmten, verlor Paul Bückler seine Schafe, sein Vieh und sein ganzes Eigentum durch Plünderung. Er schaffte sich wieder Vieh an und verlor es durch die Rinderpest."Es fanden sich auch jetzt wieder, wie das erstemal, gefällige Menschen aus dem Stamme Juda, welche sich bereit zeigten, ihm zu borgen, von jener wohltätigen Menschenklasse, die sich des Elends ihrer Brüder freuen, weil mit diesem ihr Gewinn in gleichem Maase steigt. "

(F)Kaum besaß er das Vieh einige Wochen, als die Franzosen es ihm wieder wegnahmen, bei einem Uberfall.Wieder borgten ihm Menschen vom Stamme Juda neues Vieh",welches abermals nach einiger Zeit von den Franzosen weggenommen ward." Als viele Bauern ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten, wurden ihre Güter versteigert. "Der Mangel an baarem Geld setzte dieselben auf den öffentlichen Steigerungen zu unglaublich geringen Preisen herunter, sie wurden um ein Spottgeld den Juden, als den noch einzig übrigen Leuten von Vermögen, zugeschlagen. Das Schicksal traf auch den armen Paul Bückler.

Er verlor seine Güter und sein ganzes Vermögen. Nur ein paar Lumpen und die Verzweiflung blieb ihm übrig."(F)Der junge Bückler berichtet vor Gericht: "lch verließ das väterliche Haus Anfang des Jahres 1797. Ich hatte damals ein Alter von 15 und ein halb Jahr erreichet und verließ aus folgender Ursache meine Eltern: der Gastwirt Koch in Veitsroth hatte mir eine Louid'or gegeben, um Brandwein zu Oberstein für ihn zu kaufen. Ich verzehrte aber dieses Geld in den Wirtshäusern. Da ich die gerechte Züchtigung für diesenFehler fürchtete, wagte ichs nicht nach Hause zurückzukehren. Ich irrte dann in der Gegend herum, und der gänzliche Mangel an Lebensmittel, veranlaßte mich, den ersten Raub zu begehen, welcher der eines Pferdes war, welches ich verkaufte."

Kurz danach ging er zu einem Scharfrichter und Abdecker nach Bärenbach in Dienst. Ein Metzgergeselle von Kirn riet ihm, Hämmel zu stehlen und sie ihm zu verkaufen, was er auch wiederholt tat. Bei seinem Dienstherrn entwendete er sechs Kalbfelle. "Der damalige Bürgermeister von Kirn dictierte 25 Prügel, und der Bettelvogt Arloff wußte dergleichen Befehle trefflich zu vollstrecken. Schinderhannes hat uns gestanden, daß diese Execution vor den Augen des Publicums ihn tief geschmerzt, aber auch für sein ganzes zukünftiges Leben entschieden habe.

Seine Schaamhaftigkeit, von der ein Abdecker von der niedrigsten Classe ohnedieß wenig Begriff hat, war dahin."(B)Nachdem er seine Prügel bezogen hatte, begab er sich zu seinem Vetter Hahn auf eine Mühle im Hochwald. "Von diesem Zufluchtsort aus habe ich mehrere Diebstähle begangen, nämlich:
a) Leder zu Meisenheim, welches ich den folgenden Tag des Raubs, dem nemlichen Gerber, dem ich es gestohlen hatte, wieder verkaufte.
b) Dem Bürger Riebel von Wiesweiler ein Pferd, welches ich dem Namens Winkler von Hundheim verkaufte.
c) Tuch zu Birkenfeld.

Im Rückblick auf diese Zeit sagt der alte Bückler vor Gericht: "Mein Gewissen bezeugte mir, daß, obschon ich arm bin, ich doch nichts unterlassen habe, meinen Sohn in den Grundsätzen der Tugend zu erziehen. Wenn böse Beispiele sein Herz verdorben haben, und diese Verdorbenheit durch allzulange Straflosigkeit in Verbrechen ausgeartet ist, so bleibt mir nichts übrig, als das Schicksal meines Sohnes zu bedauern; allein, ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe an keinem seiner Verbrechen Antheil genommen . . .Er wisse auch nicht, wo er in der Welt herumlaufe, er wäre aber ein böser Bube, hätte niemals gefolgt, sonst hätte er ihn bei sich behal ten, besonderns, da er ihn wohl hätte gebrauchen können... Er frage nichts mehr nach ihm, und es wäre ihm leid, wenn er etwas von demselben erfahren sollte."

(F)Inzwischen trieb sich, was Vater Bückler nicht wissen konnte, sein Sohn in den Wäldern des Hunsrücks herum als Spion und Bote im Dienste der österreichischen Soldaten, was ihm "bei seinem guten Verstande, bey der großen Schlauheit, die ihm natürlich eigen war, bey der genauen Kenntnis, die er über das Lokale hatte und dem tiefen, festen Hasse, mit dem er die Franzosen haßte," viel Geld einbrachte."

Bückler hing immer mit der wärmsten Liebe an seiner Mutter, und der Mangel, der diese drückte, that ihm unendlich viel weher, als der, an dem er selbst litt. Von seinem ganzen, nicht unbeträchtlichen Erwerbe besaß er noch drey Laubthaler. Zwey derselben hatte er bey einem Besuch, den er nach einer Trennung von einigen Wochen seinen Eltern in der Strohhütte machte, in der die Mutter erkrankt lag, denselben gegeben, und war eben beschäftigt, sich mit ihnen über die Mittel zum weitern Fortkommen zu berathschlagen, als eine Anzahl Franzosen in das Dorf stürmte, und durch das Jammergeschrey, das sich gleich nach ihrer Ankunft hören ließ, der Familie verkündete, daß sie ihr gewöhnliches Geschäft, das Plündern angefangen hatten. Die Hütte, in der sich Schinderhannes bey seinen Eltern befand, blieb, ihres ärmlichen Aussehens ohngeachtet, nicht verschont; fünf dieser Niederträchtigen drangen bewaffnet in dieselbe und raubten den unglücklichen Bewohnern derselben alles, was sie vorfanden, ein mageres Pferd, sogar den Lumpen, mit welchen die kranke Frau bedeckt war. Bückler, der Sohn, hatte sich den Räubern, als diese das Strohlager seiner kranken Mutter durchsuchten, und die Kranke unbarmherzig auf die Seite warfen, widersetzt, und hierbey einen Kolbenstoß vor die Brust erhalten, der ihn besinnungslos zu Boden warf und ihm einen Blutauswurf und Brustbeschwerden zuzog. "

(F)Diese Tage waren nach seinem Geständnis die unglücklichsten seines freudlosen Lebens. Öfters kam in ihm der Gedanke des Selbstmordsauf, "der aber immer wieder von dem Wunsche, sich an denen, die er immer für die Urheber seines Unglücks hielt, zu rächen, verdrängt ward."(F)"

Als er sich wieder im Stande fühlte, das Strohlager zu verlassen, vermochte er es nicht länger, das Elend seiner Eltern anzusehen. Mit dem festen Vorsatz Hülfe zu schaffen, aber ohne alle Aussicht hierzu, verließ er früh morgens die Wohnung des Elends. In dem ohnfern des Dorfes liegenden Walde fand er das Pferd eines französischen Kavalleristen an einen Baum gebunden und den Besitzer desselben im nahen Gebüsche mit einer Bauerndirne der sinnlichen Liebe ein Opfer bringen."Pistole und Karabiner versteckte er im Walde. Das Pferd mit Sattel verkaufte er an einen Juden und traf am folgenden Tage mit dem gelösten Geld bei seinen Eltern ein. Der Jude verriet ihn aber, "um die nicht unbeträchtliche Belohnung zu verdienen, die auf die Entdekkung eines der berüchtigten Pferdediebe gesetzt war.

Man brachte ihn nach Simmern, wo er Gelegenheit fand, am zweyten Tage aus dem Gefängnis zu entwischen, indem er den Kerkerwärter, als dieser ihm das Essen brachte, in eben das Gefängnis einschloß, welches er seit zwey Tagen bewohnt hatte. Daß dieser Verrath seinen ohnehin großen Haß gegen die Juden noch merklich erhöhte, ist leicht begreiflich. "(F)Des jungen Bücklers Haß gegen Franzosen und Juden, die er für sein und seiner Eltern Unglück verantwortlich machte, mehrte sich von Tag zu Tag. Wegen der dauernden Uberfälle und Diebstähle wurden die Franzosen aber vorsichtiger.

In ihm kommt jetzt der Gedanke einer Bandenbildung auf.,"Er kannte von seynen vorigen Streyfereien her eine Menge muthiger, listiger, arbeitsscheuer Taugenichtse und da er das Bedürfnis fühlte, bey den Geschäften, zu denen er sich nun bestimmt hatte, Unterstützung zu haben, so war zwischen diesen und Bückler bald eine Verbindung zu Stande gebracht, die sich damals noch auf blose Entwendungen von Pferden, die sie den Franzosen abnahmen, erstreckte."(F)

Nun beginnt die Zeit der offenen Straßenräubereien, der Uberfälle bei Nacht, der Brandstiftungen und Morde. "Noch befleckte keine Blutschuld sein Gewissen. Von nun an werden wir ihn als Räuber und Mörder im eigentlichsten Sinne des Wortes kennen lernen, und die Züge von Edelmuth und Gutherzigkeit, welche öfter noch uns seine Handlungen zeigen, vermögen nicht, uns mit seinen übrigen Schandthaten auszusöhnen. "(F)

Hier irrt der Schreiber der Kriminalgeschichte wahrscheinlich. Schinderhannes leugnete jeden Mord, und die Gerichtsverhandlung in Mainz konnte ihm auch keinen von ihm selbst begangenen Mord nachweisen. Die Prozeßakten bestätigen, daß Schinderhannes nicht gelogen und er immer die volle Wahrheit gesagt hat. Allerdings wurde nach dem damals gehandhabten französischen Recht auch schon für offenen Straßenraub und gewaltsamen Einbruch die Todesstrafe verhängt, da er zu allem als Räuberhauptmann die letzte und oberste Verantwortung getragen hat.

Es nützte ihm nichts mehr, daß er sich nachweislich vorgenommen hatte, sein Leben zu ändern. "Wenn ich noch zu leben wünschte, so wäre es blos deswegen, daß ich noch ein ehrlicher Kerl werden könnte.""Der warme Antheil, den Schinderhannes während der ganzen öffentlichen Audienz an dem Schicksale seines Vaters und seiner Geliebten —Julie Blasius nahm, hatte ihm alle Herzen gewonnen.

Noch kurz vor seinem Urtheil spielte er mit seinem Knaben, und scherzte mit seiner Geliebten. Das Tribunal behandelte ihn menschlich und sanft. Zuerst sprach es das Urteil über Julie Blasius. Es war ein Trost für ihn, daß er nun wußte, was ihr Schicksal sey, und daß seinem Kinde, im Sturme des Verbrechens empfangen, und im Kerker zur Welt geboren, eine Mutter übrig blieb, die es liebte. Der Präsident versicherte ihm nach Vorlesung seines Urtheils, daß sein Vater nicht sterben würde. Auch diese Versicherung erleichterte ihm sein Schicksal."(B)

Bücklers Zeitgenosse und Verfasser der "Geschichte der Räuberbanden" Becker, schließt seinen Bericht: "Die Leser in fernen Gegenden werden nun hoffentlich ihre Meynung über dengroßen Helden, von dem man in einem beträchtlichen Theile von Europa mit Auszeichnung, oder wohl gar mit Bewunderung sprach, ändern, und wir wünschen, daß es niehmals größere Verbrecher gegeben hätte, oder in Zukunft geben möchte."(B)Der Verfasser der "Kriminalgeschichte" beendet seine Darstellung vom "Schinderhannes"

"Als Juden- und Franzosenfeind genoß er Sympathien und war schon früh zu einer Symbol- und Identifikationsfigur geworden. Den so entstandenen volkstümlichen Mythos sollten die Gerichtsverhandlung und die Prozeßberichterstattung zerstören. Trotz ernsthafter Bemühungen sind die Versuche der Presse vergeblich geblieben."Georges Bataille schreibt: "Wir dürfen nie vergessen, daß die legendären Ausdeutungen des Verbrechens als einzige die Wahrheit verkündet haben."

Quelle:Jahrbuch des Kreises Bernkastel-Kues 1985

 

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