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Der Mord auf dem Hofe Baldenau im Hunsrück

(Aus.den Gerichtsakten des Schinderhannes)

Von Nikolaus Thiel

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Burgruine Baldenau im November 1998

Am 19. November 1803 wurde in Mainz der berüchtigte Johannes Bückler, bekannter unter dem Namen ,,Schinderhannes", mit 19 seiner Genossen zum Tode verurteilt. Der Staatsanwalt hatte ihn mit 53 Hauptverbrechen belastet. An sechster Stelle stand der Mord auf dem ,,Baldenauer Schloß". Richtiger hätte es heißen müssen: auf dem Hofe In unmittelbarer Nähe der Burgruine.

Dieses Verbrechen zählte in den umfangreichen Anklageakten mit zu den schwersten Fällen. Zu einer restlosen Aufklärung der Mordtat ist es trotz aller Anstrengungen der Gerichte nicht gekommen. Die an der Tat Beteiligten widersprachen sich sehr, jeder suchte dem andern die Schuld zuzuschieben. Der Hauptzeuge war der 15jähnge Junge Peter Blasius, der sich in Abwesenheit seiner Eltern auf dem Hofe befand. Die folgende Darstellung stützt sich auf die Untersuchungsakten.

Drei Tage vor Weihnachten des Jahres 1797 kehrte Schinderhannes, vom ,,Christkindchesmarkt" aus Kirn kommend, in Schneppenbach ein. in seiner Begleitung befanden sich zwei Erzhalunken, der 24jähnge Jakob Fink aus Weiler bei Stromberg, ein berüchtigter Pferdedieb, und der 22jähnge Johann Seibert aus Liebshausen, ein Straßenräuber und Pferdedieb gleichen Rufes. Das saubere Kleeblatt kannte in Schneppenbach eine Weibsperson, die ,,große Lies" genannt. Sie hieß Elisabeth Schäfer, war 51 Jahre alt, verwitwet und hatte zwei Töchter. Sie arbeitete als Tagelöhnenn und verfertigte weiße Knöpfe. Ihr ging nicht der beste Leumund voraus; in den Akten wird sie schon mal Dirne und Vagabundin genannt.

Schinderhannes und seine Gehilfen wollten bei ihr zur Nacht bleiben. Da erhob die Lies ein großes Jammern und erzählte den Männern vom Plackenklos, der vor einigen Tagen dagewesen sei. Er habe verlangt, daß ihre Tochter als Schatz mit ihm gehen solle. Die Tochter habe sich energisch geweigert. Darüber sei der Klos so erbost gewesen, daß er mit einem Messer gedroht und der Tochter alle Kleidungsstücke bis aufs Hemd ausgezogen und mitgenommen habe. Unter Weinen und Wehklagen forderte Lies ihre drei Freunde auf, mit ihr zusammen dem Klos nachzugehen und ihm die geraubten Kleider wieder abzuholen. Schinderhannes war dazu bereit und sprach den beiden andern eindringlich zu, sich doch anzuschließen.

Nach einigen Bedenken waren sie einverstanden. Man begab sich mit der Großlies auf den Weg. Der Fall Ist typisch für das Verhalten des Schinderhannes. Es ging ihm weniger um die Herbeischaffung der Kleider, denn er hätte bei seinen Beziehungen zu zahlreichen Hehlern leicht Ersatz schaffen können, auch durch Einbruch irgendwo in der Nähe. Hier ging es aber darum, daß ein Mitglied seiner Bande die in seinem Dienst stehende Hehlerin angegriffen und schwer geschädigt hatte.

Wer ,,kochem", d. h. vertraut war, also zur Bande gehörte, genoß jeden Schutz. Gegen dieses ungeschriebene Gesetz hatte der Plackenklos verstoßen, und darum traf ihn die unerbittliche Rache sofort, zugleich auch eine Warnung für alle anderen Genossen. In Gösenroth bei Rhaunen, wo man nach Plackenklos fragte, gesellte sich der Korbmacher Philipp Heydens aus Rödelhausen bei Kappel zu den Verfolgern. Er war unter dem Namen ,,Klärenphilipp weit und breit gefürchtet. Bettelei und Diebstahl hatten ihn schon oft vor das Gericht gebracht.

Er führte die Suchenden über die Hochscheider Mühle und dann auf den Baldenauer Hof. Diese Gegend kannte er genau, seine Frau stammte aus Heinzerath bei Morbach. Mit dem Plackenklos hatte er übrigens noch ein Hühnchen zu rupfen, weil er von dem einmal gründlich Dresche bezogen hatte.

Man fand den Gesuchten auf dem Hofe neben der Burgnrine. Er war dort am Tage vorher mit weiblichen Anhang angekommen. Schinderhannes stellte den Klos sofort zur Rede, warum er der Tochter der Lies die Kleider ausgezogen hatte, und schlug ihm einen Stecken auf den Kopf. Da wollte dieser ins Zimmer zurück, vermutlich seine Pistolen zu holen. Dazu kam es jedoch nicht. Schinderhannes, der seine Absichten sofort erkannte, hielt ihn an den Armen fest. Nun schlug zunächst die Lies wie eine Furie mit einem Knüppel auf den Wehrlosen, dann auch Seibert. Schinderhannes zog ihn vor die Türe und drückte ihn gegen die Wand. Man schlug so lange mit Holzscheiten auf ihn ein, ,,bis ihm die Augen vor den Kopf traten". Auch Fink beteiligte sich, wenn auch mehr zurückhaltend. Seibert ließ sich dann Finks Messer reichen und stach auf den zusammengesunkenen Klos ein. Schinderhannes trat auf dem Daliegenden herum, auch dann noch, als er bereits tot schien. Nun trat die Lies hervor und setzte sich in den Besitz der ihrer Tochter geraubten Kleider: Rock, Schürze; Mütze, Halstuch, Sonntags- und Werktagskleider. Dann schnitt Schinderhannes dem Toten die Hosen auf, zog ihm Stiefel und Hose aus und eignete sich die Sachen an, ebenso sein Halstuch. Man kehrte alle Taschen um, doch fand sich nur eine große Blase mit einigen Kreuzern vor. Klärenphilipp nahm zum Schluß noch den Hut des Erschlagenen, dann verließen alle das Haus.

Kaum waren sie fort, da kamen die Bewohner des Hofes heim. Es war die Familie Blasius. Sie war vor einigen Jahren von dem Schmidtbürger Hofmann, der wegen der Kriegsgefahren den Hof verlassen hatte, dort eingesetzt worden. Seit dem frühen Morgen hatten sie als Kohlenbrenner im Wald gearbeitet. Ihre drei Kinder waren während der Mordtat im Hause, hatten sich aber vor Angst versteckt. Nur der 13jähnge Peter hatte schließlich Mut gefaßt und war zu den Streitenden herausgetreten. Die Anzeige vom Mord machte der Pfarrer Kirn von Bischofsdhron beim Kommissar Bridoul in Bernkastel. Auf dessen Befehl wurde die Leiche untersucht und dann vor dem Hofhaus begraben. Die Besichtigung des Toten nahm der Chirurg Steinberg aus Morbach vor, als Zeugen waren die Schöffen von Hundheim, Nikolaus Kaiser und Philipp Berneck, anwesend. Aus dem Gutachten erfahren wir: Der Getötete, ungefähr 25 Jahre alt, mittlere Statur, starke Glieder. Kleidung Hemd, langer Rock aus hellblauem Tuch mit Kragen und großen kupfernen Knöpfen, braune Unterweste mit kleineren Knöpfen und leinernem Rücken. Der Unterleib war nackend. Verletzungen: am Schädel eine Spalte, drei Zoll groß. Diese Hauptwunde genügte, ihn zu töten. Noch vier starke Fleischwunden am Kopfe, zwei Stiche am Hals, drei Zoll tief, Quetschungen am Rückgrat.

Der Pfarrer Kirn sagte später beim Verhör aus: Der Ermordete hieß Niklas Rauschenberger aus Peterswald, hatte in der Gegend den Spottnamen ,,Plackenklos" und war ein verruchter und allenthalben gefürchteter Kerl. An anderer Stelle heißt es von ihm, er treibe ein liederliches Leben, hauptsächlich halte er sich mit Pferdestehlen auf und wohne öfters in Heinzerath in einem kleinen Häuschen.

Die Gewalttat auf dem Baldenauer Hof war der erste Mord, der uns im Leben des Räuberhauptmannes Schinderhannes begegnet. Zwar bestritt dieser später bei den Verhandlungen in Mainz die Absicht, den Plackenklos töten zu wollen, er sollte vielmehr nur einen Denkzettel bekommen. Er stritt auch ab, den tödlichen Streich geführt zu haben, belastete seine Genossen damit und wies darauf hin, daß er bei allen späteren Räubereien ermahnt habe, Blutvergießen oder gar Mord zu vermeiden; wo es geschehen sei, habe er es bei der Aufregung und dem üblichen Durcheinander nicht vermeiden können.

Ein von ihm selbst begangener Mord konnte ihm auch nicht nachgewiesen werden. Aber er war nach dem französischen Strafrecht auch schon für offenen Straßenraub und gewaltsamen Einbruch mit dem Tode zu bestrafen; als ,"Anstifter soll er mit dem höchsten Strafmaß belegt werden." Die Prozeßakten bestätigen, daß er bei seinen Geständnissen die volle Wahrheit gesagt hatte. Es wird stimmen, daß er selbst den Plackenklos nicht ermordet hatte, auch den Müller Riegel aus Otzweiler nicht, sondern Mitglieder seiner Bande. Aber er trug die oberste Verantwortung; seine Hoffnung auf Milde und Rückkehr in ein geordnetes bürgerliches Leben machte am 21. November 1803 in Mainz das Fallbeil zunichte.

Quelle: Heimatkalender 1958 für den Kreis Bernkastel

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