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Die Schiffer und St. Nikolaus |
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| Ein Schiff wird getreidet |
Aus der Chronik der Bernkasteler Schifferbruderschaft
Im Jahre 1338 gründeten einige Bürger des nicht lange davor zur Stadt erhobenen Ortes Bernkastel eine Nikolausbruderschaft, in der sich besonders die Schiffer und Fischer zunftmäßig vereinten. Durch Jahrhunderte war diese Schifferbruderschaft die erste Zunft der Stadt. Ihr Hauptfest war jedes Jahr der Nikolaustag den sie mit einem feierlichen Amt am Nikolausaltar (Bild) begannen, wobei die Zunftfahne getragen und eine mastbaumdicke Kerze geopfert wurde; nach der Messe wurden die Armen beschenkt, und dann wurde das Patronatsfest als Feiertag von der ganzen Bürgerschaft begangen. In Kriegen und Fehden hatte die Schifferzunft das wichtigste Tor, das Moseltor zu verteidigen.
Bei der großen Bedeutung der Moselschiffahrt blühte die Schifferzunft, sie besaß in der Moselstraße ein eigenes Gildenhaus. Als christliche Bruderschaft wurde sie dann - noch 1750 hatte sie einen neuen Nikolausaltar in der Pfarrkirche erstellt - ein Opfer der Französischen Revolution und ihrer gesellschaftlichen Umwälzungen.
Nach 1794 verließen die meisten Schifferfamilien ihre Vaterstadt und siedelten nach Koblenz über. Es ist interessanter daß die Neugründung der Schifferbruderschaft in den wirren vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschah, und wir gehen nicht fehl in der Annahme, diese Wiederbelebung alter Formen, gleich der Gründung der Gesangvereine, als einen Ausdruck des damals noch lebendigen freien und selbstbewußten Bürgergeistes zu deuten.
Das genaue Datum der Neugründung ist der 23. März 1845; in diesem Jahr wurde durch freie Beiträge der alten Schifferfamilien eine Fahne mit dem Bildnis des Schutzpatrons neu angeschafft. Ihre neuen Statuten gab sich die Bruderschaft im . Januar 1847. Im I. Pragraphen heißt es: Die Schiffer der Stadt Bernkastel treten unter dem Namen ,,Bruderschafts-Verein des heiligen Nikolaus" in eigenen brüderliche Verbindung zusammen. - Man war übereingekommen, die berufsständische Vereinigung nach dem Muster der zu ,,Trier in St. Paulus bestehen-
den Schifferbruderschaft" aufzubauen. Unter den Stiftern finden wir den bürgerlichen Adel Bernkastels mit den Namen der alten Schifferfamilien: Lukas, Piesbach, Fuchs, Hoffmann, Burkart, Dahm, Selbach, Herges, Gassen, Fritz, Coblenz, Maas, und bald taucht auch der Namen Hammes auf, von dessen Nachkommen die Bruderschaft bis in unsere Gegenwart geleitet wurde.
Mit Wehmut blätter man in der Chronik dieser Schifferzunft. Man sieht sie sterben, man erlebt ein langsames, aber unabwendbares Dahinsiechen eines ehemals so angesehenen Berufsstandes. Die Technik verschlingt ihn; zuerst ist es die Dampfschiffahrt, bei der sie teilweise noch mitmachen, dann kommt die Eisenbahn, zuletzt das Auto. Im Jahre 1924 bilden den Kern der Bruderschaft noch die vier Schiffer Peter Josef Coblenz, Fritz Bayer, Nikolaus Hammes und Nikolaus Herges, dazu gehören, ihr aus Treue zur Tradition noch rund dreißig Handwerker, Gastwirte, Kaufleute und Winzer an. Sie bestellen für 250 Billionen Mark eine neue Bruderschaftsfahne, die am Nikolausfest 1924 ihre Weihe erhält. Allerdings lautet die Rechnung nun auf 353,80 Rentenmark, und die Bezahlung in dieser neuen Währung bereitet manche Schwierigkeiten.
Treueste Hüter der alten Schiffersitten, verkörperte Gestalten des ehrwürdigen Schiffergeistes zwischen den beiden Weltkriegen sind insbesondere der Schriftführer Stephan Heinz und die beiden Bruderschaftsmeister Nikolaus Hammes und Peter Josef Coblenz. Stephan Heinz, ein Seemann von echtem Schrot und Korn, an dessen Haus am Markt noch heute das geschnitzte Segelschiff hängt, schrieb in das Bruderschaftsbuch einen langen Aufsatz über die Entwicklung und den Niedergang der Moselschiffahrt, den er stolz mit dem alten Seefahrerlatein beschloß: Navigare necesse est, vivre non est necesse! Er starb am 19. Juni 1930, sein Nachruf trägt den letzten Abschiedspruch der Schiffer: Fahre, wer fahren will; ich liege vor Anker und ruhe still.
Der Schiffer Nikolaus Hammes starb am 30. August 1938. In seinem Nachruf heißt es: ,,Kaum der Schule entwachsen, kam er aufs Sch;ff. Anfang der 80erJahre beförderte er Kohlen von der Saar. Moselwein fuhr er mit einem Holzschiff bis zum Niederrhein, und auf der Rückfahrt brachte er Kolonialwaren mit. Bis in die 90er Jahre wurde sein Schiff gehalftert. Er hatte das Rheinschifferpatent von Mannheim bis ins Meer. 1900 wechselte er von einem Holzschiff auf ein eisernes. Neben Wein wurden fortan alle Güter befördert: Holz, Eisen, Kalksteine, Gips, usw. auf Mosel, Rhein und Main. Viele Holztransporte bis Holland wurden von ihm ausgeführt. Noch im letzten Jahr steuerte der Siebzigjährige sein eigenes Schiff bis zum Obermain. Nun hat er Anker geworfen zur ewigen Ruhe."
Der Ehrenvorsitzende und ehemalige Schiffseigner Peter Josef Coblenz starb 82jährig am 23. November 1941. Auch er war mit Leib und Seele seinem Schifferberuf verschworen.
Nach dem 2. Weltkrieg, am Nikolaustag 1948, trat die Schifferzunft erneut an die Öffentlichkeit, und sie konnte wieder eine Reihe von Mitgliedern vereinen, die die ehrwürdige Tradition der Nikolausbruderschaft hüten und pflegen wollen. Es sind zumeist die Nachkommen der alten Schiffer, die, wenn sie auch keine Schiffe mehr haben und befahren, den Geist ihrer Väter wenigstens einmal im Jahr ehren und beschwören wollen. Jedjahr am Nikolaustag haben sie ein festliches Amt am Altar ihres Schutzpatrons, die dicke Opferkerze brennt, die Schifferfahne ist dabei, aus der Nikolausspende werden die Armen beschenkt.
Quelle: Festschrift Kolpingfamilie St Michael Bernkastel 1981 Peter Kremer