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Franz Ludwig Nießen rettete Mülheim an der Mosel |
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Vorgeschichte: Das Moseltal ist von den Truppen
Napoleon´s besetzt.
Bei dem französischen Militär hatte sich die Manneszucht infolge der dauernden Niederlagen und Rückzüge sehr gelockert. Selbst in Nähe ihres obersten Kriegsherrn scheute es vor brutalen Übergriffen nicht zurück.
Ohne Bezahlung nahm es aus den Häusern, was es irgendwie gebrauchen konnte. Nichts war vor den Soldaten sicher. Der überreichliche Genuß des in Fässern lagernden Weines verleitete im Rausch zu weiteren Ausschreitungen.
Frauen und Mädchen verließen vielfach heimlich das Dorf und suchten Unterschlupf bei Freunden und Bekannten in den benachbarten, nicht vom Feinde besetzten Dörfern, um vor Belästigungen übelster Art bewahrt zu bleiben.
Sorgenvoll saß der Kaufmann Franz Ludwig Nießen in seinem Büro. Die herab gebrannte Kerze flackerte trübe. Aus den Nebenräumen drang der Lärm der dort zechenden Offiziere zu ihm herein. Immer neue Flaschen ließen diese durch ihre Bediensteten bringen. Die im Hause vorrätig gewesenen Lebensmittel waren fast den restlos von der Einquartierung aufgezehrt, wertvolle Gegenstände in unergründlchen Taschen der unerwünschten Gäste verschwunden.
Ein G1ück, daß er den allergrößten Teil seiner Barschaft rechtzeitig in einer dunklen Ecke seines Kellers hinter Fässern verborgen eingemauert hatte. Nießen mußte wohl vor Übermüdung eingeschlafen sein, denn als er die Pendule, die auf einer kleinen Konsole ihm gegenüber stand, sah, war es bereits sieben Uhr vorbei.
Plötzlich schreckte er zusammen Lautes Geschrei war auf der Straße zu hören. Soldaten trugen einen Toten zum nahen Friedhof, dessen Kopf eine furchtbare Wunde wies. Was war da passiert? Ein Kürassier war in das im Oberdorf liegende Ostermannsche Haus eingedrungen und hatte eine junge Frau überfallen. Der Ehemann, der sich gerade im Stall aufhielt, war auf die Hilferufe seiner Frau herbei geeilt und hatte kurzerhand den Soldaten mit dem Beil erschlagen.
Napoleon wurde der Vorfall gemeldet. Allerdings berichtete man ihm nicht den wirklichen Hergang des Geschehens. Jedermann wußte nämlich, daß der Kaiser Disziplinlosigkeit nicht duldete und wo ihm solche zu Ohren kam, rücksichtslos durchgriff Aufgrund des ihm falsch gemeldeten Tatbestandes war er der Meinung, daß das Verbrechen auf die franzosenfeindliche Einstellung der Bevölkerung zurückzuführen sei. Aus diesem Grunde wollte er ein Exempel statuieren, damit ein für alle Maß solcher Gesinnung die Spitze gebrochen wurde.
"Wird das Gesindel hier auch schon übermütig?" Er riß die Tür zum Flur auf und rief einen der im gegenüberliegenden Zimmer sich aufhaltenden Adjutanten. Rittmeister Lebrun, geben Sie der Bevölkerung bekannt, wenn bis morgen früh 10, Uhr der Mörder nicht zur Stelle ist lasse ich Mülheim mitsamt der Einwohnerschaft zusammenschießen.
" An einen anderen Offizier sich wendend: "Oberst Boudet sofort zu mir." Als dieser sich meldete, erhielt er den Befehl, auf dem Klosterhügel zwei Batterien mit Schußrichtung auf den Ort aufzufahren. "Lassen Sie die Geschütze mit Kartätschen und Brandgranaten laden und warten Sie weitere Order ab. "Zu Befehl, Sire."
So sehr man aber auch nach Lux Ostermann suchte, er war nicht auffindbar. In der nun folgenden Nacht taten die Mülheimer kein Auge zu. Würde der Kaiser seine Drohung Wahrmachen und das Dorf einäschern lassen, wenn man bis zu dem gestellten Termin den Täter nicht ; lieferte? Einige packten ihre wertvollste habe in Bündel und versuchten zu entweichen. Aber von allen Seiten war der Ort umstellt, so alle Fluchtversuche restlos scheiterten.
Im Amtshause saß unterdessen der Maire Doufner mit den angesehensten Männer der Gemeinde zusammen und beriet mit ihnen, was tun sei. Jedoch keiner wußte einen Ausweg. Eine Deputation, die beim Kaiser um Gnade für den Ort bitten wollte, war nicht vorgelassen und von Marschall Berthier brüsk abgewiesen worden. Als der Morgen graute, waren die Versammelten zu keinem Ergebnis gekommen noch viel weniger hatte man Lux aufstöbern können.
Um 9 Uhr verließ der Kaiser sein Quartier und ritt mit seiner Begleitung auf den Helenenberg, auf welchem die Kanonen feuerbereit den. Unerbittlich rückte der Zeiger der Kirchturmuhr voran. Nun waren es nur noch 45 Minuten, dann war das Ultimatum abgelaufen.
Ängstlich verbrogen sich die Leute in die Keller und harrten auf das unabwendbar scheinende Unheil. Um neuneinhalb Uhr sah man, wie der Kaufmann Nießen in Begleitung des Maires, Doufner und des Pfaners Ludovici eilig dem Stand Napoleons zustrebten,
Nießen trug auf einem Tablett einige ausgesuchte schöne Weintrauben. Am Fuße des Berges wollten die Posten Männer nicht durchlassen. Jedoch ein höherer Offizier hörte sich die Bitte der drei, den Kaiser sprechen zu dürfen an und hieß sie war Nach einer Weile kam der Offizier zurück und führte sie auf die Höhe.
Napoleon stand inmitten seines Stabes vor einem Kartentisch und sah Nießen und seinen Begleitern entgegen. Mit einer tiefen Verbeugung nähte sich Franz Ludwig Nießen dem Manne, der das Schicksal des Dorfes in seinen Händen hielt. Nun hieß es die richtigen Worte um das Unglück von der Heimat abzuwenden.
"Sire, geruhen Sie von mir eine Erfrischung anzunehmen?" Lange sah der Korse den Kaufmann an, der den Blick, ohne mit der Wimper zu zucken, aushielt. Schließlich fragte der Kaiser: "Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?" "Nein, Sire, ich bitte um Schonung für meinen Heimatort. Was können die armen Menschen dafür, wenn ein einzelner fehlte."
Sei es nun, daß Napoleon das unerschrockene Auftreten des Mannes gefiel, sei es, daß sein Zorn inzwischen verraucht war, oder war er der Überzeugung gelangt, daß der Erschlagene auch nicht ganz unschuldig an seinem Lose war, jedenfalls gab er, obwohl die Uhr inzwischen zehn geschlagen hatte, nicht den Befehl zur Eröffnung der Kanonade.
Lange stand Napoleon, den Rücken den Anwesenden zugewandt und schaute auf das friedlich zu seinen Füßen liegende Dörflein. Plötzlich drehte er sich um, faßte Nießel beim obersten Knopf seines Mantels und polterte:
"Innerhalb von fünf Stunden zahlt Mülheim 3000 Taler. Ist bis zu diesem Zeitpunkt die Kontribution nicht aufgebracht, so bleibt es bei angedrohten Strafe. Gehen Sie."
Jetzt war jede Minute kostbar. Aber war im Dorf überhaupt soviel Geld vorhanden? Auf dem Rückwege überlegten die Männer alle Möglichkeiten."In der Gemeindekasse befinden sich allerhöchstens 200 Taler", rechnete der Maire."Und von der Bürgerschaft wird nicht mehr zu erwarten sein." "Etwa 25 Taler habe ich in der Kasse" entgegnete Pfarrer Ludovicl."Es bleibt somit ein enormer Betrag übrig. Woher den nehmen?
Wenn Sie, Herr Nießen, etliches drauffegen, so wird doch noch sehr viel fehlen." "Was ich tun kann, das tue ich. Los Maire, schnellstens die Bevölkerung zusammengerufen." Innerhalb kürzester Frist waren die Einwohner zur Stelle. Das war eine harte Nuß, welche die Leute da vorgesetzt bekamen. Aber immer noch besser, als Haus und Hof oder sogar das Leben zu verlieren. Jeder brachte herbei, was nur irgend möglich war. Schließlich kam in allem ein Betrag von 465 Talern zusammen.
"Den Rest lege ich zu", ließ sich nach dem Bekanntwerden der Endsumme Nießen vemehmen.
Bereits nach drei Stunden konnte man den geforderten Betrag beim kaiserlichen Intendanten abliefem. Die Kavallerie war um diese schon mitten im Aufbruch begriffen. Durch das Postpfädchen rückten sie der Mosel zu, wo sie durch die sich dort befindliche Furt nach Lieser gelangte. Nur die Kanonen und einige Kompanien Infanterie standen noch am alten Platz. Nach einer Stunde marschierten auch diese und wurden mit Flößen und Kähnen an das jenseitige Ufer befördert.
Aus Dankbarkeit schenkten die Mülheimer einige Zeit später dem Retter ihres Dorfes ein großes Sück gerodetes Gemeindeland, auf welchem dieser einen Weinberg anlegte, der unter dem Namen Elisenberg noch heute bekannt ist.
Als die Franzosen endgültig verschwunden waren, erschien auch Lux Ostermann wieder auf der Bildfläche. Er sich in den Wintgerten von Dusemond ein sicheres Versteck gesucht, ohne zu ahnen, welche furchtbaren Folgen seine unüberlegte Tat für die Zurückgebliebenen gehabt hätte.
Seinem Quartiergeber hatte Napoleon noch eine Akte ausfertigen lassen, laut welcher er diesem einen Zehnten von einem ertragreiche Acker jährlich zusprach. Es ist das am Flurweg unter dem Namen Riebenstück gelegene Feld. Diesen Zehnten hat man noch nach Jahrzehnten, als das gesamte Rheinland bereits zu Preußen gehörte, regelmäßig an den Hausbesitzer abgeführt. Später ist diese Anordnung dann aufgehoben worden.
Lit. Bernkasteler Zeitung. 1958