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Nachwirkung der Gräfin Loretta bis zum heutigen Tag

Günther Böse

In jüngster Zeit glaubt man an zwei Orten, an denen Loretta gewirkt hat, Abbildungen von ihr entdeckt zu haben. In der Zweienkirche bei Wolfstein wurde 1965 ein mittelalterliches Wandbild einer jungen Frau mit Krone und Heiligenschein freigelegt, die einem Mitraträger (auch mit Heiligenschein) eine Kirche in Kleinformat überreicht.

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Herrstein mit dem Schinderhannesturm

Die Gloriole spricht nicht unbedingt dafür, daß hier die einstige Burgfrau von Alt-Wolfstein dargestellt ist, die dieser heute ganz allein in die Landschaft gebetteten Kirche—der Ort Zweienkirchen existiert nicht mehr—eine Ewiglichtampel gestiftet hat. Ähnlich vermutet man in einem Frauenkopf mit Stirnreif und Haube in der Kirche zu Niederbrombach die Herrin der nahen Frauenburg. Als Loretta sich dorthin nach 1331 zurückzog, wurde auch die Niederbrombacher Kirche ausgebaut, in deren erweitertem nördlichem Mittelschiff sich bei Renovierungsarbeiten 1963/64 an einer Konsole diese Plastik fand.

Von den einstigen Wirkungsstätten Lorettas zeugen heute nur noch Ruinen. In Herrstein ist von der Burg außer dem sog. Schinderhannesturm nicht viel übrig. Die Reichsburg Alt-Wolfstein ist bis auf den 19 m hohen Bergfried und Mauerreste 1504 zerstört worden. Von der Starkenburg stehen nur noch Fundamente heraus, wenigstens zwei Bolltürme zur Moselseite hin. Sie wurde noch im 16. Jahrhundert von Herzog Johann II. von Simmern bei Besuchen bewohnt; 1607 hatte sie noch eine Burgbesatzung, am Ende des 17. Jahrhunderts verfiel sie, ihre Reste wurden mit der Zeit abgetragen. Es existiert von der Starkenburg kein Bild, es gibt lediglich einen Rekonstruktionsversuch. An der Stelle, wo die Burg stand, bietet sich heute eine schöne Aussicht auf das Moseltal.

Im Dorf Starkenburg erinnern der "Lorettablick" und eine Straße an die einstige Burgherrin. Die Frauenburg, heute Eigentum des Landes Rheinland-Pfalz, ist mit ihren zwei noch stehenden mächtigen Rundtürmen vorbildlich instand gesetzt worden. Von der elsässischen Burgruine Salm in den nördlichen Vogesen, die sich auf einem dem Tete Pelee vorgesetzten Felsenkegel erhebt, hat der Wanderer einen weiten Ausblick.

Die 811 m hochgelegene Ruine—am Fuße steht das Forsthaus Salm— wurde im 17. Jahrhundert zerstört. Vorhanden sind noch die Reste eines großen Turmes und der Umfassungsmauer.

Die Erinnerung an die Gräfin Loretta lebt in vielfacher Weise fort. In Traben-Trarbach erinnert neben einer Lorettastraße im Stadtteil Traben das 1907 erbaute stattliche Lorettahaus mit seinen historischen Wandfresken und Plastiken (letztere von Bildhauer Bernhard Wendhut) an sie. Eine andere moderne Darstellung Lorettas zeigt ein Gemälde der Bilderfolge zur Moselgeschichte und -sage des Weimarer Malers Hans W. Schmidt im Festsaal des Kellereigebäudes Julius Kayser.

Auch der Kommerz und der Sport haben sich des populären Namens bis heute bedient. Es gab Ende der 20er Jahre in Traben-Trarbach eine Radsportvereinigung "Loretta"; dem steht in Frauenberg ein gleichnamiger Fußball-Club gegenüber.

Das erste Moselrundfahrtschiff nach dem ersten Weltkrieg hieß "Gräfin Loretta" eine kleine Nachfolgerin hält die Tradition hier auf der Mosel aufrecht. Bei Heimatfesten in TrabenTrarbach, Enkirch und Kröv wird Lorettas seit Jahrzehnten in Festzügen gedacht.

In den Enkircher Heimatstuben sind die Kopien zweier Loretta-Urkunden ausgestellt, die des Sühnevertrages von 1328 mit Siegeln und die der Weinbergsstiftung von 1344 für die Anniversarien in Enkirch und Wolf.—Am nachhaltigsten war die literarische Nachwirkung.

Fast alle Beschreiber des Moseltales seit Adam Storck haben das Lorettathema, z. T. auch mit Iyrischen Einlagen, behandelt. Alle, von Damitz über Bourdelois, Bärsch, Graeff, Hocker, Roke, Trinius bis zu Mathar, haben sie—ausgenommen der kritische Stramberg 1837—die bekannten Irrtümer mehr oder minder übernommen.

Kurz vor der Jahrhundertwende griff auch die Belletristik auf den inzwischen sagenumwobenen Stoff zurück. H. A. Reulands "Frauenrache", eine seiner "Erzählungen aus dem luxemburgischen Volksleben" (1891), zeigt Loretta als eine beleidigte und gereizte Frau, die kalt und listig die Gefangensetzung Balduins plant.

Liebenswürdiger behandeln die nächsten Literaten unsere Gräfin, sie bedienen sich allerdings des "erotischen Beiwerks", das Storck ersann. Viel gelesen wurde seit 1896 der Lorettaroman des Trarbacher Bürgermeisters Hermann Falkenhagen, dessen Widmungsverse auch das Lorettahaus schmükken. Später (1926) erschien bei Bertelsmann die historische Erzählung "Im Unterliegen gesiegt" von Käthe Papke, die auch über die Vordersponheimer ("Graf Sponheims Ehe") geschrieben hat.

Carl Salm verfaßte 1908 einen epischen Moselgesang "Frauenmut" in dem sich Volker von Starkenburg aus Liebesschmerz nach Lorettas Absage vom Burgfelsen in die Mosel stürzt. Bei Falkenhagen ist der treue Helfer Lorettas nicht der historische Volker II. von Starkenburg, von dem sich die Wildberger und die Kratz von Scharffenstein herleiten, sondern der Enkircher Schultheiß Schetter vom Heidenhof.

Zwei Birkenfelder schrieben historische Schauspiele, Albert Erk "Lauretta von Sponheim" (1924), Emil Anton Riester "Starkenburg" (1927). Es ist nicht bekannt, ob diese an klassischen Vorbildern geschulten Heimatstücke auf die Bühnen kamen. Das im Winter 1926/27 von der Carnevalsgesellschaft 1 1884 Enkirch aufgefrührte Heimatspiel "Loretta" in 10 Aufzügen griff auf Falkenhagens Roman zurück, der für die Bühne bearbeitet wurde.

Der Enkircher Heimatdichter Adolf Weingärtner schrieb dazu einen Prolog. Die Enkircher Laienspieler wiederholten 1934 diese Aufführung mit großem Erfolg. Nicht aufgezählt werden können alle Gedichte, die im vorigen und diesem Jahrhundert in wohlgesetzten, aber auch unbeholfenen Versen Loretta besungen haben. Es seien hier stellvertretend W. von Waldbrühl (1855), Karl Mörchen (1884), Friedrich Röhrig (1897), Hermann Falkenhagen (1911), Adolf Nußbaum (1924) und ein Anonymus in der Traben-Trarbacher Zeitung vom 5.10.1927 genannt.

Ebenso gibt es eine Reihe populär gehaltener Aufsätze von Heimatkundlern und Journalisten, die ohne Bedenken die tradierten Irrtümer weitergegeben haben. Historiker wollen stets eine Schutzmauer der Exaktheit und Vollständigkeit der Fakten aufgerichtet sehen. Die Informationen über das Mittelalter, hier um das Geschehen im 14. Jahrhundert im Mosel-Naheraum, sind spärlich.

Die Persönlichkeit einer Kleinfürstin, ihre Lebensbedingungen und der zeitliche Hintergrund zusammengenommen bieten eine Fülle von Vielfältigkeiten, die nicht gänzlich reproduziert werden können. Geschichte soll auch erzählt werden. Daß dabei Althergebrachtes, Umstrittenes und Erdichtetes im Laufe der Zeiten aufgewärmt und weitergesponnen wird, daß anschaulich Dargebotenes leichter Leser findet als ein spröder Forschungsbericht, hat auch die Loretta-Tradition bewiesen. Die Fachhistoriker haben diese einmalige Frau erst spät gewürdigt; "Erzählungskünstlern" die sich des unerhörten Fakts angenommen und dem Genius loci gehuldigt haben, verdankt Loretta von Sponheim eigentlich ihren Ruhm und ihre bleibende Popularität.

Quelle:Jahrbuch des Kreises Bernkastel-Kues 1985

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