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Hochwasser an der Mittelmosel 1784 |
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| Hochwassser 1925-1926 in Zell |
In vielen Orten des Moseltales tragen Gebäulichkeiten in Ufernähe in beträchtlicher Höhe über dem Erdboden Hochwassermarken mit Jahreszahlen. Sie geben Kunde von großen Überschwemmungen in den letzten drei Jahrhunderten. Der Fremde, der im Sommer den Blick von diesen Gedenkzeichen über die friedlich-heitere Flußlandschaft wandern läßt, findet in seiner Vorstellung kein Bild, auf dem ihm das sonnenüberstrahlte Tal zur wildbewegten Wasserwüste wird unter einem dunklen Winterhimmel, dessen Wolkensaum die Berghöhen auf beiden Seiten verhüllt, und auf dem die Dörfer und Städtchen am Ufer in letzter Not verloren erscheinen.
Und doch ist bisher keiner im Moseltal geboren und alt geworden, dem in seinem Dasein diese Lebenserfahrung erspart geblieben wäre. Sie hat die andere, die verborgene Seite des Volkscharakters in dieser Landschaft geprägt und mehr als alle anderen Schicksalsschläge durch Kriege, Mißernten und Epidemien in vergangenen Zeiten die Kirchen im Ort, die Kreuze am Wege und die Kapellen oben am Berg errichten lassen und sie bis heute für die Menschen des Flußtales in wortlosem Verstehen lebendig erhalten. Das Suchen nach Hilfe bei Hochwasserkatastrophen ist hier in keinem anderen Zeitdokument von so unmittelbarem Eindruck geblieben.
Die schriftlichen Berichte von solchen Überschwemmungen sind meist nachträgliche Zusammenstellungen der Schäden, die dabei verursacht worden waren. Deren Aufzählung beschränkt sich in den Chroniken und Akten vergangener Jahrhunderte auf die Angaben über die Zerstörungen in den Ortschaften am Moselufer, zu denen es in kennzeichnender Weise in einer Urkunde des 18. Jahrhunderts heißt: »Wir haben der Güter (Gärten, Weinberge, Äcker und Wiesen) Schäden, weilen sie durch der Hände Fleiß erstellet (ausgebessert) werden können, separieren (weglassen) und nur der Gebäude Verderbens Anschlag nach der Abschätzung extrahieren (erstellen) lassen.
So vermitteln die alten Akten über die Hochwasserschäden vom Jahre 1784 nur anhand der Aufzeichnung von Gebäudezerstörungen einen nachträglichen Einblick in die Existenznot, von der besonders die Einwohner von Enkirch und in dem Dorfe Litzig betroffen waren, das heute nach Traben-Trarbach eingemeindet ist. Die strenge Kälte des Januar hatte damals nach starkem Schneefall alle Gewässer zufrieren lassen. Wochenlang, bis Ende Februar, wehte ein eisiger Nordostwind. Dann setzte über Nacht von Westen her Tauwetter ein. In kurzer Zeit schmolz der Schnee, und das Schmelzwasser ergoß sich aus zahllosen Rinnsalen und Bächen in das Flußbett.
Es floß zunächst über die Eisdecke und stieg dabei immer stärker über die Ufer. Dann brach das Flußeis, und große Eisschollen trieben wirbelnd stromab. An der großen Flußbiegung unterhalb von Traben-Trarbach türmten sie sich übereinander, und in der Talenge unterhalb von Enkirch stauten sich die jetzt langsam zu Tal treibenden Eismassen zu einem Wall. In wenigen Stunden drang das Wasser in den unteren Teil von Enkirch und überflutete Straßen und Häuser.
Von denen am Berghang gelegenen Gebäuden sahen die Leute in das Tal hinunter, das zu einem ständig breiteren See wurde. In ihm war der kleine Ort Litzig auf der linken Moselseite so völlig eingetaucht, daß nur noch wenige Dächer und Hausgiebel herausragten. Das Rauschen der Gewässer und vor allem das Dröhnen der splitternden Eismassen hatte die Leute gewarnt und sie zu rechtzeitiger Flucht getrieben, so daß keine Menschenleben zu beklagen waren. Doch als dann die Eisbarriere unter dem Druck der Stauung brach, rauschten die Hochwasserfluten in rasender Strömung talab und ließen die Eisschollen wie Felsblöcke gegen die Hauswände anrennen. Als das Wasser gefallen war und die Leute zu ihren Heimstätten hinunterstiegen, fanden sie die Straßen und die unteren Räume ihrer Wohnungen mit schmutzigen Eisbrocken und mit Schlamm bedeckt.
Durch die Wucht der Eisschollen jedoch waren Mauern geborsten, Wände eingestürzt, Fenster verschwunden und manches altersschwache Gebäude gänzlich niedergerissen worden. Von den Bäumen am Ufer waren zersplitterte Stümpfe übriggeblieben. Nur noch einmal seitdem, am 31. Januar 1850, hatten Eisgang und Hochwasser ähnlich verheerende Wirkungen, als am Rhein das Städtchen Bacharach dabei überschwemmt wurde und »das massive Lusthaus auf der Rheininsel vor der Stadt, schon vor 1632 erbaut und jeder Eisfahrt in diesen 220 Jahren trotzend, von den Eismassen weggeschoben worden ist« (Zeitungsbericht von 1850).
Von dem Hochwasser Ende Februar 1784 waren die Orte Enkirch und Litzig an der Mosel ungewöhnlich schwer heimgesucht worden. Die altersgrauen Akten darüber, die bis heute erhalten geblieben sind, nennen sich bescheiden »Extraktus (= Auszug) der Abschätzung über den bei den ;ohnlängstigen großen Wasserfluten an denen Häusern und Gebäuden zu Enkirch geschehenen Schäden«. Auf ihnen sind 35 Hauseigentümer dieses Ortes aufgezählt, deren Gesamtgebäudeschäden mit 2457 Goldgulden angegeben werden:
Es dauerte lange, bis die Hochwasserschäden verschwunden waren. Besonders schwer lasteten Not und Sorge über den Einwohnern von Litzig, wie aus einem Schriftstück vom 12. Juli 1785 erkennbar ist: »Da nach der im Februar vorigen Jahres vorgewesenen, außerordentlichen Überschwemmung in den Moselorten und Gemarkungen zu vermuten stehet, daß die Geschädigten sich mittlerweile selbst geholfen und von ihren Gemeinden hierunter hinlängliche Unterstützung erhalten haben möchten, haben wir unterschriebene Gerichts- und Handwerksleute nach dem unterm 14. Juli 1784 ergangenen Oberamtlichen Dekret die abermalige Besichtigung der supplikantischen (Unterstützung suchenden) Litziger Bürger durch die Überschwemmung der Mosel an ihren Häusern erlittenen Schaden vorgenommen: Da dann einige derselben vermögend und Reparationskosten aus ihren Mitteln bestritten und keinen Zuschuß verlangen, andere die Ausbesserung nach ihrem Vermögen vorgenommen, daß sie ihren Aufenthalt und Wohnung darin haben können, sind dahero nur beyfolgend die Reparations- und Ausbesserungskosten in Anschlag gebracht worden: Traben, den 12. Juli 1784.«
Der Schiffer Selbach in Trarbach erhielt noch im folgenden Jahr durch ein Dekret des Landesherrn vom 29. April 1785 in Ansehung seiner verunglückten Schifferei bei dem im Jahre 1784 auf den Mosel- und Rheinflüssen vorgekommenen Eisgang dreihundert Reichsthaler zur Hilfe aus der Landschreiberei Trarbach.
Ein unbekannter Chronist faßte den Ablauf dieser Hochwasserkatastrophe im Moseltal in der Sprache des 18. Jahrhunderts zusammen. Er schrieb in verschnörkelten Buchstaben mit heute verblaßter Tinte: »Die verheerenden Überschwemmungen, welche in denen letzten Hornungstagen dieses Jahres 1784 in ganz Teutschland so viele Verwüstungen und Unglücke gewirket, haben auch am Moselstrom keine geringen Schäden angerichtet, und das Dorf Litzig stand ganz und gar, und der untere Teil von Enkirchen so stark in diesem schädlichen Gewässer, daß das Verderben und der Verfall der Gebäude noch lange Zeit das traurige Angedenken jener Verheerung darstellen wird.«
Quellen: Jahrbuch der Kreise Bernkastel Wittlich 1977,Albert Reitenbach