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Goethe in Trarbach

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In der Moselstraße zu Trarbach steht ein Barockhaus, das mit sichtbarem Stolz eine Tafel trägt, auf der zu lesen steht, daß in ihm im November des Jahres 1792 Johann Wolfgang von Goethe einige Stunden zugebracht hat. Wer über jene Moselfahrt der Weimarer Exzellenz das Nähere erfahren will, braucht nur in der »Kampagne in Frankreich« nachzulesen.

Henne mit Reis hat ihm der Gastwirt vorgesetzt, und das war gewiß in jener Kriegszeit der Auszeichnung wert.

Was uns aber in der Schilderung des Trarbacher Aufenthaltes am besten gefällt, ist die Feststellung, daß in dieser Stadt die Männer gastfreundlicher sind als die Frauen; so war es wenigstens damals, und Goethe besaß den Mut, das für ewige Zeiten zu dokumentieren. Wie sich die Sache jedoch in Wirklichkeit verhielt, hat er nur zwischen den Zeilen angedeutet; ja, in seiner Höflichkeit sucht er sogar noch nach Entschuldigungsgründen für seine Wirtin, bis er es dann doch im letzten Satz klipp und klar ausspricht, jenes Urteil, auf das hin die Trarbacher Männer für alle Zeit ihr Haupt höher tragen dürfen:

»Und so ereignet sich's oft in Einquartierungsfällen, daß bald der eine, bald der andere Gatte dem Gast mehr oder weniger wohI will.«

Das »mehr« bezieht sich nämlich in unserem Falle auf den Mann und das »weniger« auf die Frau, wie aus der nachfolgenden Vorgeschichte zu ersehen ist.

Herr Böcking war ein angesehener Kaufmann in Trarbach. Kaum hatte er die Landung von Fremden in der stürmischen Nacht erfahren, so eilte er hinüber ins »leidliche Gasthaus« und nötigte die beiden Männer in sein vornehmes Haus. Wie groß war sein Erstaunen, als der eine sich als der Dichter Goethe offenbarte, dessen Ruhm sogar bis in diese derzeit noch abgelegene Gegend gedrungen war. Da ließ der freundliche Hausherr alle Kerzen und Kronleuchter in den wohlgeschmückten Zimmern anzünden, und im hellsten Lichtschein zeigte er den Gästen seine Kunstschätze, darunter seltene englische Farbstiche, die Goethe und sein Begleiter bewunderten.

Er setzte ihnen seine köstlichsten Moselweine vor, an denen sich die durchnäßten Fremden auch reichlich erquickten, und wollte sie wenigstens einen ganzen Tag lang bewirten und beherbergen. Aber die Gewöhnung zum Unruhigen trieb die Gäste weiter. Doch bevor sie fortzueilen im Begriffe standen, erhob sich zwischen den Eheleuten jener Zwist, der Goethe zu seinem stillen Tadel gegen die Trarbacher Frauen Anlaß gab.

Das Ehepaar war zwar noch jung; aber sie waren doch schon so lange Mann und Frau, daß das erste Matratzenpaar eines neuen Überzuges dringlich bedurfte. Just an diesem Tage hatte der Polsterer sie wieder abgeliefert, hübsch mit neuem Barchent überzogen.

»Höre, liebe Frau«, sprach Herr Böcking, da er seine Gattin für eine kurze Weile unter vier Augen haschen konnte, was meinst du, wenn wir den Herren zu ihrer Bequemlichkeit die Matratzen ins Boot geben! Sie reisen dann bei diesem kalten Wetter doch besser als auf dem blanken, nassen Holzboden.« Da aber kam er bei ihr schön an. »Mann«, rief sie voller Schrecken, »höre ich recht? Die neuen Matratzen, die ich morgen wieder auflegen wollte! Haben wir sie dafür so schön herrichten lassen, Nein, das lasse ich nicht zu; wir würden sie niemals wiedersehen.« »Herr von Goethe wird sie uns zurückschicken«, erwiderte Böcking gelassen. »Übrigens fällt mir ein, er kann sie in Koblenz bei unserem befreundeten Handelshaus abliefern; so sind wir sicher, sie unversehrt zurückzuerhalten.«

»lhr dummen Männer, was versteht ihr schon von Matratzen! Wie würden sie dann aussehen! Ach, der neue Barchent! Ja. da sieht man's wieder, wenn die Männer sich um alles kümmern, nun sogar um die Matratzen. Nein, ich dulde es nicht! Sie bleiben hier!« Frau, wir sind verantwortlich für seine Gesundheit.«

»Dann pack' ihm ein Dutzend Flaschen ins Boot, die wärmen auch!« »Das ist bereits geschehen; aber die Matratzen wärmen von der anderen Seite.« »Und ich sage noch einmal und zum letztenmal: Die Matratzen bleiben hier!« Frau Böcking verließ mit hochrotem Kopf ihren Ehegemahl. Diesem blieb auf Grund seiner gefährdeten Hausherrenrechte nichts anderes übrig, als dem Hausdiener den Befehl zu geben, die beiden neu überzogenen Matratzen sofort ins Boot der Fremden zu tragen. Und was wagt man nicht alles, um vom größten Dichter in dessen Werken als ein »wackerer Mann« bezeichnet zu werden!

Dem hellhörigen Goethe konnte dieser Ehezwist nicht ganz verborgen bleiben, und er bedauerte sehr, die Ursache dazu gegeben zu haben, weshalb er, am Fluß angekommen, den Streitgegenstand zurücklassen wollte. Aber Herr Böcking nötigte ihn, auf den Matratzen Platz zu nehmen und damit abzureisen. Da schrieb der Dichter gleich nach dem herzlichen Abschied, noch im Angesichte des Städtchens, sein vorhin an geführtes Urteil über die verschieden geartete Gastfreundschaft ins Tagebuch und setzte das Datum da rüber.

Im Hause Böcking aber dauerte die eheliche Spannung noch an, bis eines Tages das Koblenzer Schiff eintraf und neben anderen Dingen auch die Matratzen unversehrt auslud. Herr von Goethe hatte sie gewissenhaft gleich nach seinem Eintreffen in Koblenz bei dem ihm bezeichneten Handelshaus abgeliefert.

Wir wollen aber die Geschichte dieses klassischen Ehezwistes nicht schließen, ohne zu betonen, daß die Trarbacher Frauen in der Übung der Gastfreundschaft heute nicht mehr hinter ihren Männern zurückstehen. Man muß dies hervorheben, wenn einer die Absicht hat, das Städtchen zu besuchen, aber auch, den Matratzen gleich, unversehrt wieder heimzugelangen.

Quellen: Jahrbuch der Kreise Bernkastel Wittlich 1977,Peter Kremer

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