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JUGEND UND BILDUNGSGANG DES CUSANUS

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Cusanus Geburtshaus im Stadtteil Kues

(Quelle Wihelm Baum Nikolaus Cusanus in Tirol, Athesia 1983)

Nikolaus Cusanus wurde 1401 in dem noch heute erhaltenen Haus des Moselschiffers und Kaufmanns Henne Cryfftz (= "Krebs") in Kues an der Mosel geboren. Als er später Karriere machte, wählte er den roten Krebs, den man noch heute allenthalben in dem von Cusanus gestifteten St.-Nikolaus-Hospital von Kues sehen kann, zu seinem Wappen. Auf dem Basler Konzil nannte sein Freund Enea Silvio Piccolomini ihn erstmals "Cusanus". Nikolaus war sehr stolz auf seine Heimat; später ließ er selbstbewußt auf einer Deutschlandkarte als einzigen Ort an der Mosel zwischen Koblenz und Trier das Dorf Kues eintragen. Cusanus gehörte zu den ersten Nichtadeligen, die in seiner Zeit Karriere machten. Seine Gegnerschaft zum Tiroler Adel später, insbesondere gegen das nur Adeligen vorbehaltene Damenstift Sonnenburg im Pustertal, läßt sich zum Teil auch aus seiner Abneigung gegen die Menschen erklären, die ohne besondere Verdienste einfach durch die Geburt zu Einfluß kamen. Als er, mittlerweile Kardinal geworden, 1449 nach Rom reiste, erwähnte er in einer kurzen "Autobiographie", daß er der Sohn eines Schiffers sei, der große Dinge vollbracht habe und dem der Papst mit seiner Kardinalsernennung Anerkennung gezollt habe: "Damit nun alle wissen, daß die Heilige Römische Kirche nicht auf den Ort oder auf den Stand der Geburt sieht, sondern allein die freigebigste Vergelterin der Tugenden ist, darum hat derselbe Kardinal diese Geschichte zum Lobe Gottes schreiben lassen.

Über die Jugend des Cusanus ist nur wenig bekannt. Legenden, wie die über den üblichen Generationskonflikt mit dem Vater oder sogar eine Liebschaft, aus der ein uneheliches Kind hervorgegangen sein soll, sollen uns hier nicht kümmern. Auch die oft zu lesende Behauptung, Cusanus habe bei den "Brüdern vom gemeinsamen Leben" in Deventer in Holland die Schule besucht, läßt sich nicht beweisen. In seinem Testament stiftete Cusanus neben dem Hospital von Kues auch noch eine Burse für arme begabte Schüler. Diese wurde 1469 in Deventer gegründet, die mit Umwandlungen bis 1920 bestand. Der Ort Deventer aber wird im Testament nicht genannt; erst nachträglich wurde der Standort der "Bursa Cusana" festgelegt.

Die frühesten bekannten Bücher des Cusanus (ca. 1425),Johannes Gersons "Mystische Theologie und Bonaventuras "ltinerarium mentis in Deumi" gehörten zur Lieblingslektüre der Windesheimer. Auch die Themen von der Bildung des Laien, der Schau Gottes und dem Streben nach Weisheit verbinden Cusanus mit dieser religiösen Reformbewegung, zu der er nachweislich seit den frühen 1430er Jahren Kontakte hatte.

Die älteste Bezeichnung des Cusanus ist der Immatrikulationsvermerk an der Universität Heidelberg 1416.

In dem Streit um die oberste Gewalt in der Kirche zwischen den Anhängern des Papstes und des Konziliarismus, der die Auffassung vertrat, daß das Konzil über dem Papst stehe, nahm die Heidelberger Universität eine papsttreue Haltung ein. Über die Heidelberger Zeit des Cusanus ist sonst nichts bekannt.

Von Heidelberg aus ging Cusanus an die Universität Padua, wo er 1423 zum "Doctor Decretorum" promoviert wurde.

Cusanus gehörte also zu den frühesten Vertretern der deutschen Humanisten, die zum Studium nach Italien gingen. 1423 schrieb der junge Deutsche eine Vorlesung des Prosdocimus de Comitibus über kirchliches Prozeßrecht mit. In Padua knüpfte Cusanus auch einige Kontakte, die für sein späteres Leben wichtig wurden.

Hier lernte er seinen Lehrer Giuliano Cesarini kennen, den späteren Präsidenten des Basler Konzils, dem er sein Werk "De docta ignorantia" widmete. Freundschaft schloß er auch mit dem späteren Kardinal Domenico Capranica, der 1457 in Tränen ausbrach,als er von der Bedrohung seines Freundes durch Herzog Sigismund von Tirol hörte.

Zu den Jugendfreunden in Padua gehörte auch der berühmte Mathematiker und Arzt Paolo Tosca)1elli ( 1397-1482) . Die Mathematik, Medizin und Astrologie verbanden die beiden Studenten.1445 widmete Cusanus Toscanelli die Schrift "De geometricis transmutationibus", 1457 ließ er ihn in seinem Werk "De quadratura cirzuli" als Dialogpartner auftreten.

l443 erhielt er von seinem italienischen Freund eine neue Übersetzung der "Mystischen Theologie" des Pseudo-Dionysius Areopagita. In den letzten Jahren seines Lebens wurde Cusanus in Italien von Toscanelli auch medizinisch betreut.

1457 erwähnte der Kardinal in Brixen in einer Predigt, daß er als Student zu Padua eine Predigt des hl. Bernhardin von Siena gehört habe. In Padua dürfte er auch in einem Werk des Kirchenrechtlers Francesco Zabarella auf den philosophischen Grundsatz gestoßen sein,daß das, was alle angehe, auch von allen gebilligt werden müsse. Später sollte er noch auf diesen Grundsatz zurückkommen.

Nach einer Reise nach Rom kehrte Cusanus wieder nach Kues zurück. wo er sich 1425 aufhielt. Der Trierer Erzbischof Otto von Ziegenhain verlieh ihm nun die Pfarre Altrich bei Kues, obwohl Cusanus noch kein Priester war. Seine Gegner haben ihm immer wieder nicht ganz zu Unrecht seine Pfründenwirtschaft vorgeworfen. Zeit seines Lebens war der Kaufmannssohn Cusanus ein guter Geschäftsmann, der wirtschaften konnte und auf das Geld bedacht war.

Es ist hier nicht der Ort, die zahlreichen Pfründen aufzuzählen, die Cusanus besaß. 1427 wurde er Dekan des St.-Florin-Stiftes zu Koblenz. Wo er seither eine feste Wohnung behielt (auch wenn er sich später an anderen Orten aufhielt) . Eine Seite, die in der bisherigen Literatur bei Cusanus meist übergangen wurde, ist seine Vorliebe für Astrologie.

1425 verfaßte er eine astrologisch gedeutete Weltgeschichte. Im gleichen Jahre wurde er an der Universität Köln immatrikuliert. Bei seinem dortigen Lehrer Heymeric van den Velde (de Campo) wurde er mit der Philosophie des Albertus Magnus und Pseudo-Dionysius Areopagita konfrontiert.

Während die Philosophen damals entweder Scholastiker (Thomisten)oder Nominalisten (Ockhamisten) waren, wurde der junge Philosoph hier mit dem Platonismus und einem neuplatonisch umgestalteten Aristotelismus vertraut, die seine weitere Entwicklung bestimmten. Der "Areopagita" war das wichtigste Werk für die "Negative Theologie", die davon ausgeht, daß man Gott mit menschlichen Mitteln nur unzulänglich beschreiben kann. Hier lernte er auch den Begriff der "coincidentia oppositorum", des Zusammenfalls der Gegensätze, kennen, der ihn fortan begleitete.

1428 begann er den "Liber magnus contemplationis" des katalanischen Philosophen Ramon Lull zu exzerpieren. Kein Denker kommt in der Bibliothek des Cusanus häufiger vor als Lull, für den Cusanus der wichtigste Vertreter der Wirkungsgeschichte ist. Lull vertrat die Idee einer Verständigung unter den Religionen, von ihm übernahm Cusanus den Begriff der Konkordanz als des Prinzips, durch das der einzelne und die vielen übereinstimmen können. In diesem Zusammenhang ist auch eine in den "Acta Cusana" nicht erwähnte-Studienfahrt nach Paris 1428 zu sehen.

1435 ließ er in Koblenz ein angebliches Testament Lulls kopieren. Aufgrund historischer und inhaltlicher Kriterien kam Cusanus zu dem Ergebnis, daß der Text nicht von Lull sein könne (was stimmt) . Er hielt ihn für ein Werk des Katalanen Arnald von Villanova und bemerkte dazu, er habe in Paris in der königlichen Bibliothek die Schriften Arnalds gesehen. Das Werk sei zudem mit 1338 datiert, wogegen Lull doch schon 1315 gestorben sei. Außerdem sei die Lullsche Denkweise viel rationaler. An diesem Beispiel kann man ersehen, wie genau Cusanus studierte, so daß es uns nicht zu wundern braucht, wenn er immer wieder seine Gegner mit seinen historischen Kenntnissen entnervte.

Dem Rechtshistoriker Cusanus gelangen nun einige aufsehenerregende Funde. In der Kölner Dombibliothek entdeckte er den "Codex Carolinus", eine Sammlung von Papstbriefen an die Könige der Franken. In einem Rechtsgutachten über die Zollfreiheit der Pfarrei Bacharach am Rhein (um 1426) wurde er sogar abgebildet (Titelbild). Auf der Reise nach Paris 1428 entdeckte er in der Dombibliothek von Laon die " Libri Carolini", Texte, mit denen Karl der Große in innerkirchliche Lehrdispute eingegriffen hatte.

Eine interessante Quelle für die spätere Studienzeit des Cusanus sind die Briefe des berühmten Humanisten Poggio Brucciolini. der Schreiber am päpstlichen Hofe war, an seinen Freund Niccolo Niccoli. Seit 1427 ist in den Briefen immer wieder von den Handschriftenfunden des "Nicolaus Treverensis" die Rede.

Poggio begegnete den Berichten des Cusanus, er habe die ."Historien" des Eulinius und den "Staat Ciceros entdeckt, mit einer gewissen Skepsis. Wie Cusanus später zugeben mußte, handelte es sich jedoch nur um einen Kommentar zu einem Teil des "Somnium Seipionis" .

Der junge Humanist von der Mosel erregte dann jedoch durch die Entdeckung von zwölf bisher unbekannten Komödien des Plautus Aufsehen. Der Fund war so sensationell, daß Kardinal Orsini, der die Handschrift nach Italien gebracht hatte, sich weigerte, sie auszuleihen. Nur Lorenzo de Medici gelang es, die Handschrift kurz zum Kopieren auszuleihen. Poggio meinte, man werde noch um die Handschriften kommen, wenn Cusanus keine Pfründen vom Papst erhalte.

Die humanistische Beschäftigung mit der Antike, die ihn schließlich auch zur Entdeckung der ersten sechs Bücher der Annalen des Tacitus führte, war für Cusanus auch ein Mittel, sich in Italien bekannt zu machen. Der Aufstieg des jungen Juristen hing nicht zuletzt damit zusammen, daß er wertvolle Handschriftenschätze auf Nimmer wiedersehen von Deutschland nach Italien verschleppte.

Die Geschichte wie auch der Humanismus waren letztlich für Cusanus keine Lebensaufgabe, sondern nur ein Mittel zur Erlangung seiner Ziele. Der junge Bürgerliche wollte berühmt werden. Da der Humanismus um 1440 am päpstlichen Hofe vorherrschend wurde, wandte er sieh ihm zu, ohne aber darin sein letztes Ziel zu sehen. Durch die Handschriftenfunde wurde er bei den Humanisten populär, ohne in der Wiederbelebung der Antike ein primäres Ziel zusehen.

1428 erhielt der junge Kanonist von Papst Martin V. für sieben Jahre die Dispens von der Priesterweihe, obwohl er Schon Dekan von St. Florin in Koblenz war. Mittlerweile war er schon so berühmt, daß die Universität Löwen ihm gegen Ende des Jahres einen Lehrstuhl anbot. Aber Cusanus wollte kein Fachgelehrter werden und schlug das Angebot aus. 1429 berichtet Poggio, daß Nikolaus mit den Plautus Komödien in Rom eingelangt sei. Die Priesterweihe erhielt Cusanus erst zwischen 1436 und 1440; die erste erhaltene Predigt von ihm stammt jedoch schon von Weihnachten 1430.

Der spätere Todfeind des Kardinals von Brixen, der Jurist Gregor Heimburg, berichtet 1461 in einer Streitschrift gegen Cusanus, dieser hätte sich erst der Theologie zugewandt, nachdem er in Mainz in einem Erbschaftsprozeß von ihm geschlagen worden sei und dann an seiner juristischen Fähigkeit gezweifelt habe. Diese Behauptung Heimburgs ist durch keine andere Quelle belegbar. Wenn es stimmt, müßte es zwischen 1430 und 1434 gewesen sein, weil Heimburg nur in dieser Zeit im Dienste des Erzbischofs von Mainz war.

1430 starb Erzbischof Otto von Trier, der Gönner des jungen Cusanus.Die Mehrheit des Domkapitels wählte Jakob von Sierck zu seinem Nachfolger, nur zwei Stimmen entfielen auf den mit Nikolaus etwa gleichaltrigen Ulrich von Manderscheid, der vom Adel des Kurstiftes unterstützt wurdc. Papst Martin V. aber ernannte Raban von Helmstadt, den Bischof von Speyer, zum neuen Erzbischof. In den nun folgenden mehrjährigen Auseinandersetzungen nahm Cusanus an der Seite Ulrichs teil, dessen Familie er verbunden blieb. Als Berater, Sekretär und Kanzler Ulrichs vertrat er dessen Sache. Als der junge Adelige sich mit Gewalt durchsetzte, wurde er vom Papst exkommuniziert. Jetzt wandte er sich an das eben eröffnete Konzil von Basel um Hilfe. So kam Nikolaus Cusanus am 29. Februar 1432 nach Basel. Seine dortigen Erlebnisse sollten zu einem Wendepunkt seines Lebens werden.

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