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| Abt Johannes Trithemius 22 Jahre und schon Abt |
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| Bad Kreuznach |
Auf dem Wege in die Heimat, die er nach dem Abschluß seiner Studentenzeit und vor seinem Wirken im Dienste der Wissenschaft noch einmal sehen will, trifft den Zwanzigjährigen, wie einst den Saulus, Gottes Berufung im Sturmwind. Ein Freund begleitet ihn, und unterwegs rasteten sie im Kloster Sponheim, unweit von Kreuznach. Nach dem Mahle wollten sie die Reise fortsetzen; aber ein Hunsrücksturm mit Schnee und Hagel zwang sie umzukehren. Es war genau auf den Tag Pauli Bekehrung 1482. "Ich soll wohl dort bleiben", sagte Johannes, und er blieb wirklich.
Er ließ sich in den Orden aufnehmen, und schon nach einem Jahr wählten die Mönche ihr hochbegabtes und mit viel Wissen ausgestattetes jüngstes Konventmitglied zum Abt. Der Trittenheimer Dorfjunge hatte als Abt eines einsam gelegenen Klosters seine geistige Heimat gefunden, und er war erst knapp 22 Jahre alt.
Ein ungemein fleißiges wissenschaftliches Leben begann. Er lehrte und schrieb, er eignete sich das gesamte Wissen der Zeit an, er sammelte Bücher über Bücher, er ließ Mönche und Brüder unaufhörlich abschreiben. Bei seinem Eintritt standen in der Klosterbibliothek 8 Bände, 1502 waren es zweitausend, darunter kostbare Handschriften. Das abgelegene Kloster, bis dahin nur in der engsten Nachbarschaft bekannt, wurde in der wissenschaftlichen Welt berühmt. Aus Deutschland und aus entfernten Ländern kamen Gelehrte, Bischöfe und Fürsten nach Sponheim, um hier zu studieren, um den gelehrten Abt zu sehen und von ihm zu lernen.
Wissenschaftler aller Gebiete arbeiteten Monate- und jahrelang in der Klosterbibliothek, die Texte in allen alten und neuen Sprachen enthielt. Noch im hohen Alter machte Alexander Hegius, der Lehrer des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam, die weite Reise nach Sponheim, und als er heimgekehrt war, sagte er seinen 1200 Schülern zu Deventer: "Ich habe das große, glänzende Licht der Welt gesehen!"
Seine Hauptforschungsgebiete waren Geschichte und Mathematik; aber er besaß auch umfassende Kenntnisse in der Chemie, der Physik und in der Heilkunde. Ihn hungerte buchstäblich nach Wissen, und diesen Hunger konnte er in seiner Klosterzelle und durch seinen Briefverkehr mit allen Geistesgrößen der damaligen Welt stillen. Er war der berühmteste Gelehrte seiner Zeit; weit überstrahlte sein Ruhm den seines Landsmannes Cusanus, dessen Gewissenhaftigkeit und Exaktheit bei der Arbeit er jedoch nicht besaß.
Seine Freude an Entdeckungen, das Fieber der Zeit nach aufsehenerregenden Funden, die Sucht nach neuen Quellen und Ergebnissen waren in diesem echten Sohn seines Jahrhunderts so stark, daß er oft leichtgläubig und flüchtig, ja bloß mit der Phantasie arbeitete. Wir können darum, von heute aus gesehen, auf viele seiner Arbeiten nicht die Forderungen und Grundsätze moderner wissenschaftlicher Forschung anwenden. Weil er allzu leicht auffaßte, weil er eine so blühende Phantasie hatte, eilte sein Geist nicht selten dem wissenschaftlichen Ergebnis voran und bestimmte es schon zuvor; seine Vielseitigkeit wurde ihm zur Gefahr, und sein Drang, unter allen Umständen Neues zu entdecken, ließ ihn zuweilen an der Oberfläche verweilen.
Er wies daher nicht, wie Cusanus, dem Denken neue Wege; er war nicht, wie dieser, zugleich Ende und Anfang; aber er war der tönende Abschluß des Mittelalters, das bald krachend zusammenstürzte. Und vor allem: er war ein Mann von riesenhaftem Wissen, wie es kein Zeitgenosse besaß, und er war ein Mensch von strengster Enthaltsamkeit, von sittlicher Tiefe, der auch menschlich die Würdenträger dieser krisenhaften Zeit unmittelbar vor der Reformation noch überragte.
Quellen: Jahrbuch der Kreise Bernkastel Wittlich 1977,Peter Kremer